Die Vergebung | Kapitelübersicht
Die Vergebung ist ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann oder möchte. Wenn ich verletzt oder gekränkt bin, dann möchte ich nicht vergeben. Es sei denn, eine Religion legt es mir nah. Oder es sei, ich möchte, dass mir jemand vergibt: Wenn ich Letzteres möchte, darf ich meinem Verletzer die Vergebung nicht vorenthalten. — Wir möchten
so gerne vergeben, aber unser Stolz fordert seinen Willen – denn manches Mal, wenn wir vergeben, begraben wir unseren Stolz und manchmal auch un- sere Würde.

Es gibt allerdings einen Weg, der uns unsere Würde und unseren Stolz lässt und trotzdem nicht eine tö- richte Vergebung austeilt: den Abbruch der Bezie- hungen. Es gibt genug Menschen, die gute soziale Beziehungen ermöglichen – wir müssen nicht mit je- dem gut Freund sein. Die Ächtung desjenigen, der uns verletzt hat, ist zwar kein Mittel der Diploma- tie. Doch müssen wir uns von falscher Nachsicht frei machen, wenn wir verhindern wollen, dass das verletzende Verhalten uns vergrämt. Die Ächtung ist eine passive Aggression, die unserer Seele er- laubt sein muss, wenn sie gesund bleiben soll. Wir müssen nicht zu jemandem freundlich sein oder ihm gar vergeben, der uns mit Missachtung oder dreis- tem Verhalten unrechtmäßig straft.

Die von uns selbst angewandte Ächtung hilft uns persönlich, unseren Stolz nicht zu verlieren. Dabei gilt die Regel: je deutlicher wir unsere Ächtung ausdrücken – nämlich mit schlichter Ignoranz – des- to besser geht es unserer Seele.

Das heißt aber nicht, dass Ächtung zu einem Selbst- läufer werden darf. Wenn unser Verletzer unser Verhalten endlich auf sich bezieht und ein klärendes Gespräch sucht, müssen wir uns ihm stellen. Sieht er seinen Fehler ein und entschuldigt er sich ernst- haft, dann sollten wir ihm tatsächlich vergeben.

Grundsätzlich aber gilt: wer den Mut hat, aus sich selbst heraus zu dem Verletzer zu gehen um ein klärendes Gespräch zu suchen, sollte zu ihm gehen. Vergeben kann man nur, wenn etwas tatsächlich geklärt ist. Und ein solches Verhalten beweist ne- ben Mut auch die dazu nötige Stärke.

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