Die Treue | Kapitelübersicht
Die Treue ist die wichtigste Bedingung für eine harmonische Beziehung. Denn die Untreue bringt eine nicht aufzulösende Dissonanz hinein. Deshalb wiegt beides schwer, das eine positiv schwer, das andere negativ schwer: Die Treue auf der einen Seite und das Bedürfnis, die Treue für etwas ande- res aufzugeben auf der anderen Seite.

Doch was ist das, wofür wir die Treue aufgeben? Man könnte auch sagen: doch was ist das, wofür die Liebe aufgeben? — Einmal liegt es an der Perspek- tive nach außen, das andere Mal liegt es an der Perspektive von innen. Bei Letzterer spielt in Be- zug auf die Untreue der noch ungenügend gefestigte Richtungspunkt die Hauptrolle: Man weiß noch nicht so genau, was man will, man fühlt sich noch angezogen von Fluchtpunkten. Der Zielpunkt für die individuelle Zentralperspektive taucht schon ab und zu auf, aber er verschwindet auch wieder. Erst wenn dieser eine Zielpunkt dauerhaft erscheint, wird er zum Richtungspunkt, der die Linie zum Innern des eigenen Selbst bildet. Untreue kann in diesem Fall also bedeuten,

  • das der Zielpunkt auf- oder wieder abgetaucht ist, oder
  • dass das gefühlte Richtige nun endlich erschienen ist, oder
  • dass das Richtige nun nicht mehr als richtig erscheint.

Die Perspektive nach außen macht nicht das Innere zum Maßstab der Erscheinung sondern das Äußere. Der Zugriff nach Außen wird dabei nicht vom in- neren Zielpunkt bestimmt sondern einzig von dem äußeren Angebot, gemessen nach externen, also äußeren Maßstäben. Beispiel: Jemand ist in einer Beziehung, Sein Beziehungspartner gilt nach äu- ßeren Maßstäben als weniger attraktiv als das Sub- jekt der potenziellen Untreue, das überdies bereit für die Untreue ist. Geht man auf das Angebot ein, handelt man aus der Perspektive nach außen. Man hat sich damit entindividualisiert und ist zum sozio- logischen Objekt geworden, das nicht nach inneren sondern äußeren Wertmaßstäben gehandelt, sich in die Gruppe der stierend Gaffenden, der Trophäen- jäger begeben hat. Das ist leider sehr hässlich. Aus dieser Sackgasse kommt man nicht heraus, es sei denn, es entwickelt sich in der Folgezeit eine ernst- hafte Beziehung daraus.

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

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