Die Tortenpolitik | Kapitelübersicht
Die Tortenpolitik ist die logische Konsequenz aus der Kinderwirtschaft. Stellen Sie sich eine Torte vor. Diese Torte soll einen schönen Familien-
nachmittag krönen. Die Familie sind wir alle. Und die Torte steht für die Steuereinnahmen.

Wie wir wissen, sind wir eine sehr große Familie. Wir können eine größere Torte backen, jedenfalls in unserem kleinen beschaulichen Familienbild. Aber im wahren Leben wissen wir, dass die Torte nicht mehr viel größer werden kann.

Die Weisen unter uns werden sagen: gebt mir nur ein kleines Stück, die Torte sieht sehr lecker aus, aber ich brauche nicht so viel.

Die Kinder unter uns werden hoffen, ein möglichst großes Stück zu bekommen. Sie vertragen viel und brauchen auch viel. Deshalb wäre fast jeder am Tisch damit einverstanden, wenn die Kinder große Stücke bekommen.

Wer sitzt aber nun am Tisch? Es wurden schon mal alle genannt: die Kinder, die Erwachsenen und die Weisen. Nach dem Kaffee und der Torte soll ein Spiel gespielt werden, an dem alle teilnehmen sollen. Dieses Spiel steht im wahren Leben für den Alltag.

Wer wird also an dem Spiel teilnehmen, wer nicht? Teilnehmen werden vor allem die Zufriedenen. Dann gibt es aber noch die gespaltene Gruppe der Unzufriedenen. Die einen, die die Kraft haben werden ihre Unzufriedenheit zu zeigen und aus
einer Laune heraus sich abspalten und nicht mitspielen und schmollen. Die anderen Unzufrie-
denen, die zwar auch ihrer Meinung nach zu wenig von dem Kuchen abbekommen haben, aber ihre Unzufriedenheit nicht zeigen wollen. Letztere werden ein falsches Spiel spielen und versuchen, das Spiel zu sabotieren oder unrechtmäßig zu gewinnen.

Wie wir sehen, ist es nötig den Kreis der Erwach-
senen zu verkleinern und den Kreis der Weisen zu vergrößern, wenn wir alle ein schönes Spiel haben wollen. Denn in dem Maße, wie die Zahl der Weisen steigt, wächst die Wahrscheinlichkeit für ein schönes Spiel.

Um dieses zu erreichen, ist nur das Eine nötig: Alle müssen wissen, dass das gemeinsame Spiel vom Wert her höher anzusiedeln ist als das Stückchen Torte – und zwar nicht nur für die Gruppe, sondern in einem unmittelbaren Schwingen auch für den Einzelnen. Wenn Zeit unser wertvollstes Gut ist und wir mehr Zeit mit dem Spiel als mit dem Essen der Torte verbringen, ergibt sich diese Erkenntnis von selbst. Wenn wir dann noch hinzu nehmen, dass wir während des Essens eine schöne Unterhaltung haben, die man zeitlich noch abziehen muss vom reinen Essen, so müssen wir uns einfach sicher sein:

Geld macht nicht glücklich. Aber der Alltag sollte uns glücklich machen. Das kann er aber zurzeit nicht, weil jeder viel zu sehr damit beschäftigt ist, ein möglichst großes Stück Torte zu bekommen, was sich zwingend negativ auf den gemeinsamen Alltag auswirkt. Der Wert Torte liegt zurzeit höher als die Werte Spiel und Unterhaltung (und damit Austausch).

Und was am schlimmsten ist: die Fettsäcke (und damit meine ich natürlich nicht die Fettleibigen,
für deren Übergewicht es viele Gründe gibt, ich
meine die Bonzen) nehmen sich von der Torte
mehr, weil sie wissen, dass sie mehr verbrennen und deshalb (für sie logisch, in Wahrheit him-
melschreiend ungerecht und damit höchst un-
moralisch) mehr brauchen. Ihre Körperfülle (= ihr Reichtum) hat sie stärker als die anderen gemacht, sie haben Besitztümer, Bildung, Anwälte und Steuerberater. Und aufgrund dieser Stärke fällt es ihnen leicht, sich mehr zu nehmen als ihnen gerechterweise zustehen würde. Es sind die verfressenen Schweine aus dem alten Trickfilm Animal Farm, die man mit ihnen gleichsetzen
kann.

Diese verfressenen Schweine – was passiert am Ende von Animal Farm eigentlich noch mal mit ihnen?

Wenn ich Ihnen nur einen einzigen Film empfehlen dürfte, dann diesen.

 

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

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