Die Studiengebühren | Kapitelübersicht
»15. Juni 1961
Während sich die Besorgnis in der Bevölkerung immer mehr ausbreitet, tut Walter Ulbricht ah- nungslos: ›Niemand hat die Absicht, eine Mauer
zu bauen.‹ Auf die Frage einer Journalistin erklärt er: ›(...) Ich verstehe die Frage so, dass es Men- schen gibt in Westdeutschland, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der DDR mobilisieren, um ei- ne Mauer aufzurichten? Niemand hat die Absicht,
eine Mauer zu errichten.‹«¹ —

Stellen Sie sich folgendes vor: Sie sind auf dem Weg zu dem Supermarkt oder Discounter Ihres Vertrauens um wie immer einzukaufen. Doch heute ist alles anders. Vor dem Eingang steht ein Mann mit einer Kasse und fordert Sie auf, vor dem Be- treten einen Euro in die Kasse zu stecken. Er er- klärt, dass die Leistung, die der Supermarkt für Sie erbringt, in Zukunft stärker in Ihr Bewusstsein ge- rückt werden soll. Und außerdem wird der Euro ge- nutzt, um die Qualität der Leistung in Zukunft wei- ter zu verbessern – dabei waren Sie doch bislang zufrieden mit der Leistung …
Sie rechnen sich aus, dass Sie im Jahr ungefähr 104 Mal einkaufen gehen. Das bedeutet 104 Euro mehr Ausgaben. Das ist doch eigentlich nicht viel im Vergleich zu dem Betrag, den Sie jährlich für Ihre Einkäufe im Supermarkt lassen. — Ich habe absichtlich sehr tief gestapelt, um dem Vorwurf der Polemik zu entgehen. Ein Euro pro Einkauf – das
ist doch wirklich nicht viel. Außerdem können Sie ja den Supermarkt wechseln. Es gibt doch meistens noch einen zur Auswahl.

Aber stellen Sie sich vor, dass nun jeder Super- markt diese neue Regel einführt und Sie keine Wahl mehr haben. Und dass Sie feststellen, dass die Lieferanten der Supermärkte sich zusammen- getan haben und drastische Preiserhöhungen er- hoben haben, so dass der Supermarkt eingehen müsste, wenn er nicht von jedem Kunden diesen Euro verlangen würde.

Studiengebühren wären weitaus weniger inakzep- tabel, wenn die Steuergelder sinnvoll ausgegeben würden. Aber in diesen Zeiten vier U-Boote zu kaufen – für 1,5 Milliarden Euro! – ist dermaßen unglaublich, dass sich die Damen und Herren der Politik daran gewöhnen müssen, dass das Fußvolk Gegenmaßnahmen ergreifen wird. Wir steuern auf einen Bürgerkrieg oder eine Revolution zu. Denn so, wie die deutschen Auslandseinsätze in diploma- tischer wie militärischer Sicht die Sicherheit der eigenen Grenzen stabilisieren, haben in den letzten Jahrzehnten die finanziellen Rahmenbedingungen des Studiums den inneren Frieden stabilisiert. Die Glaubwürdigkeit der akademischen Sprösslinge aus dem Proletariat garantierten diese Stabilisierung. Wenn nun nur noch die Kinder der Wohlhabenden studieren dürfen ohne sich verschulden zu müssen, dann gehen die Friedenslichter in Deutschland aus. Und so hart das auch ist: wo keine Bildung mehr ist, werden öffentliche Hinrichtungen wieder möglich. Denn Bildung allein ist das Mittel zur Erlangung einer von uns gewünschten Moral.

Brot ist die stärkste Macht, die es gibt (und damit ist in unserer heutigen Welt nicht nur das Brot zum Essen gemeint: Brot steht auch für Selbstverwirk- lichung in Familie und Beruf. Alle wollen teilnehmen an der Wissens- und Informationsgesellschaft!) … Brot ist mächtiger als Geld. Und die Reichen und Mächtigen sind leider so dumm und kennen dieses archaische Gesetz nicht und wiegen sich in vergol- deter, aber vermeintlicher Sicherheit. Woher sollen sie auch wissen, dass Brot mächtiger als Geld ist, denn sie haben immer genug davon. Sie werden die- ses Gesetz von anderer Seite wieder gelehrt be- kommen, wenn sie nicht schnellstens einen Ge- schichtskurs belegen und das Geld des Volkes wie- der unter das Volk bringen. Denn wie heißt es so treffend: Die Natur findet einen Weg. Und das Volk ist ein sehr robuster Zweig der Natur. Wer diesen Zweig unterschätzt, der hat verloren. — Der ist ver- loren.

Um das Schwarzmalerische mit einer Hoffnung aufzufangen, hier ein Vorschlag zur Lösung der Mi- sere: Dem deutschen Volk wird nachgesagt, es sei das Volk der Dichter und Denker. Auch wenn an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass diese Qualität sicherlich den meisten Völkern zu Eigen ist, sind wir Deutsche aufgrund unseres Klischees an exponierter Stelle, diese menschliche Fähigkeit zum Dichten und Denken unter Beweis zu stellen. Wenn wir diese Klischee-Fähigkeit mit der Klischee-Fähigkeit der Amerikaner verbinden, könnten die deutschen Reichen mit den deutschen Armen Geld verdienen. Denn das Implodieren, dass wir zur Zeit erleben, bringt uns an die Grenze un- serer Toleranz. Wenn wir die Erlebnisse dokumen- tieren, die wir in diesen Zeiten haben, könnte dies eine Hilfe für künftig implodierende Gesellschaf- ten sein. War für uns aber noch wichtiger ist: durch diese Arbeit aktualisieren wir unsere gesellschaft- liche und kulturelle Identität. Und DAS führt da-
zu, dass die Implosion aufgehalten wird und sie nicht alles niederreißt, was unsere Vorfahren und wir selbst mühsam errichtet haben.
Der Vorschlag: Die Reichen finanzieren Think- Tanks, zu denen jeder Zugang hat. Zu bestimmten Themen, die von einer Kommission von Philoso- phen, Schriftstellern, Musikern, Künstlern und Psy- chologen empfohlen werden, sollen alle, die sich aufgefordert fühlen, in diesen Think-Tanks arbei- ten.

Die Ergebnisse werden in riesigen Wanderausstel- lungen veröffentlicht, die zur Diskussion anregen sollen. Das Eintrittsgeld ist nicht festgelegt – jeder bezahlt, was er kann und will. Die Ausstellungen sind Kunstausstellungen, die sich von der Idee der Sozialen Plastik von Joseph Beuys und der Kon- zeptkunst nähren. Es wäre wichtig, dass die ausge- stellten Texte und Objekte, sofern sie keine Unika- te sondern in Serie zu reproduzieren sind (am bes- ten vom Autor des jeweiligen Werkes selbst), käuf- lich zu erwerben sind und die Hälfte der Einnahmen an den jeweiligen Autor gehen. Die andere Hälfte geht an den Veranstalter, nämlich an die Reichen, die sich zusammengetan haben, um die Ausstel- lungen zu finanzieren. Unikate können durch Re- produktionen zu Einnahmen führen.

Grandios wäre es übrigens, wenn die Teilnahme
an den Think-Tanks als 1-Euro-Job deklariert wer- den würde. Damit würde den Hartz-IV-Empfängern signalisiert, dass sich der Staat nun endlich für das interessiert, wofür sie aufgrund ihrer Herkunft, zumindest dem Klischee nach, bekannt sind.

¹ Quelle: WDR – http://www.wdr.de/online/news2/berlinermauer
/index.phtml (12.10.2005)

 

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