Die Sinngabe als Waffe | Kapitelübersicht
»Denn jeder Wert hat, einmal erfasst, die Tendenz zur Verwirklichung, wie unwirklich er auch sein mag.«¹
Nicolai Hartmann


Der Titel dieses Kapitels lässt Sie richtig vermuten, dass dieser Text einem Leitartikel gleichkommen wird. Und gleichzeitig ruft er etwas Beängstigendes hervor: die Vorstellung einer nicht näher gekenn- zeichneten Bedrohung bei gleichzeitigem Wissen um das Allgemeingültige ihres destruktiven Poten- zials: der Waffe.

Warum erzeuge ich diese bedrohliche Vorstellung? Es ist ganz einfach: Der Begriff Sinngabe und seine Bedeutung sind in unserer heutigen zynischen Zeit zwar essenziell vonnöten. Doch diejenigen, die die- ses Wissen besitzen, fühlen sich eventuell ohnmäch- tig gegenüber den Vorkommnissen des Terrors, der fehlgeleiteten Politik und Menschen, die offensicht- lich den Bezug zum Wesentlichen des menschlichen Lebens verloren haben.

Jene, die so empfinden, ziehen sich vielleicht zurück und erschaffen ihre eigene kleine Welt in ihrem ei- genen Reich. Und das nicht, weil sie feige oder faul wären, sondern weil sie keine Möglichkeit sehen, den beschriebenen Status Quo zu verändern. Da der Mensch aber nun einmal Sehnsucht hat nach Welt, und zwar nach einer Welt, die ihm gefällt, muss er sich für diejenige entscheiden, die möglich ist: seine Innenwelt. Diese Innenwelt wird von sei- ner unmittelbaren äußeren Welt, nämlich seiner Wohnung, reflektiert. Durch Bilder, Erinnerungs- stücke et cetera. So wird auf diese Weise auch die äußere Welt eine, die ihm gefallen kann. Sofern er seine Wohnung nicht verlassen muss.

Sinngabe soll diesen Menschen eine Waffe sein. Eine Waffe, die ihnen Mut verleiht, nach draußen vor die Tür zu treten und der grauen Welt, die die- sen Menschen nur Lebensfeindlichkeit vermittelt, entgegenzukommen. Haben Sie gestutzt, als Sie entgegenzukommen gelesen haben, obwohl Sie entgegenzutreten passender gefunden hätten? Ja, es stimmt leider: der Kampf für die Sinngabe ver- langt Opfer. Es ist nämlich nicht so, dass jetzt ein- fach ein neues Fass aufgemacht wird, aus dem die Liebe wie süßer Wein herausschießt. Nein, Sinn- gabe als Waffe heißt vor allem sich zu verschleißen im Kampf für eine Welt, wie sie allen gefallen könn- te. Eine solche Welt kann es aber nur geben, wenn die Güter gleich verteilt sind. Und die Rechten mö- gen jetzt bitte ihren Mund halten, anstatt Kommu- nismus und dergleichen zu brüllen. Denn sie haben nicht kapiert, dass der Müllmann, der bei seiner Arbeit permanent den stechenden Gestank unser aller Mülls in der Nase ertragen muss, verdammt noch mal eine Arbeit tut, die die Mediziner, Poli- tiker, Manager usw. niemals nie tun würden, ge- schweige denn für dieses Geld, das der Müllmann bekommt. Und schon wieder höre ich sie entrüstet, die Tölpel: Müllmänner leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft – sie werden dafür aber auch angemessen bezahlt. Was für ein Hoch- mut, was für eine Scheinheiligkeit. Relation ist das Stichwort, nicht Angemessenheit. Anders gesagt und um gleich im Politiker-Jargon zu sprechen: Das Maß zum so genannten Anmessen ist hier in kein- ster Weise das richtige Instrument. Stattdessen sollte Relation das Maß aller Dinge sein. Wenn also jemand dafür verantwortlich ist, dass 5000 Leute ihren Job verlieren, sollte sein Lohn mithilfe von Relation ermittelt werden: Wie steht seine Arbeit im Verhältnis zu den Werten der Gesell- schaft? Ist es eine wichtige oder eine unwichtige Arbeit, relativ zu diesen Werten gesetzt? Und schon sieht man: Wenn man sich in einer Gesellschaft befindet, die den Wertpapieren in ihren heimischen Tresoren einen größeren Wert zuschreibt als der Arbeitsstelle des Nachbarn, bekommt der 5000- Leute-Entlasser viel Geld als Lohn. Wenn man
sich jedoch in einer Gesellschaft bewegt, die all ih- ren Mitgliedern Lohn und Brot für ehrliche Arbeit wünscht, wird der 5000-Leute-Entlasser neben Buh-Rufen auch ein Minimum an Lohn für seine Arbeit bekommen. Und sicher weniger als der Müllmann, dessen Arbeit für eine solche Gesellschaft ungleich wertvoller ist.

Die Waffe der Sinngabe ist nun kein Schwert, das Köpfe abschlägt, keine Atombombe, die abschre- cken soll. Nein, die Waffe der Sinngabe ist das Wis- sen um sie selbst. Dieses Wissen soll stärken, soll neue Hoffnung bringen, soll Mut machen, sich ein- zusetzen für eine gerechte und friedliche Welt. Im- mer mit dem Wissen, dass es eine solche nur geben kann, wenn jeder einzelne glücklich ist.

So soll, von nun an, das links oben abgebildete Zeichen als Symbol für die Sinngabe stehen: Von dem Gradzeichen ausgehend, das einerseits das Zeichen des Autors ist, andererseits als Kreis den Gedanken der im Kreis verbundenen Einheit ver- sinnbildlichen soll ( – wir Menschen sind eins – ), strebt die Sinngabe die Versöhnung von Ost (e) und West (w), Süd (s) und Nord (n) an. Wenn sie an ihrem Ziel angekommen ist, wird sie nicht mehr gebraucht werden und die Menschen werden dann alleine in eine menschliche Zukunft aufbrechen können …

¹ In: Nicolai Hartmann, »Ethik«
Walter de Gruyter & Co. Berlin und Leipzig, 1926.
(Seite 31)

 

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