Die Sinnfindung im Nachwuchs | Kapitelübersicht
Ein Vater macht mit seinem kleinen Sohn ein Wochenendspaziergang auf dem Land. An einem Bauernhof angekommen, nimmt der Sohn einen Stein in die Hand und schleudert ihn auf den Bau-
ern. Der Stein streift den Bauern am Bein und verpasst ihm eine Schürfwunde. Der Bauer ist ver-
ärgert und fragt den stumm gebliebenen Vater, warum er seinem Sohn so etwas erlaube. Der Vater antwortet: „Mein Sohn wird frei erzogen. Er darf
so etwas, wenn er das will.“ Der Bauer ist einen Moment lang perplex, dann geht er zu dem Sohn und gibt ihm eine harmlose, aber deutliche Ohr-
feige. Noch bevor der Vater etwas sagen kann, erklärt der Bauer: „Entschuldigung, aber ich darf so was, ich bin nämlich auch frei erzogen worden.“

Was hat diese Geschichte mit der Sinnfindung im Nachwuchs zu tun? Nun, es kristallisiert sich im Alltag eine Tendenz heraus, dass Eltern ihren ein-
zigen Lebenssinn in der Begleitung des Kindes sehen. Das äußert sich immer dann, wenn die Eltern mit ihren Babys oder Kleinkindern unterwegs in
der Öffentlichkeit sind. Es hat sich dabei eine neue Form des Egozentrismus herausgebildet. Es heißt nicht mehr »Ich und mein Magnum« sondern »Ich und mein Kind«. Die Eigenwahrnehmung in der Wandlung der Perspektive – weg von der Wichtig-
keit des Eigenkonsums, hin zur Wichtigkeit des Weltkonsums des Kindes – macht sie einerseits stolz auf sich und andererseits eifrig, dem Kind den Zugang zur Welt mit einem Roten Teppich zu er-
möglichen. Auch mag der demografische Wandel ihr Bewusstsein dafür geschärft haben, dass schließ-
lich sie es sind, die der Gesellschaft den so drin-
gend benötigten Nachwuchs bereitstellen. Was für andere der Stern auf der Kühlerhaube ist, ist ihnen der Kinderwagen und später, wenn das Kind laufen lernt, das Kind selbst. So dürfen sie dann auch mit Kind oder Kinderwagen Wege versperren oder abschneiden. Sie selbst fungieren dabei als Schutz-
schild, der von Anfang an das Kind vor möglichen Angriffen von außen schützen soll.

Wenn das Kind laufen lernt, versperren diese El-
tern Treppen und Gehwege, indem sie es von bei-
den Seiten an die Hand nehmen – damit es seine Schritte in Ruhe üben kann. Man kann es mit den richtigen Antennen förmlich spüren: sie senden Drohsignale aus, die die Verteidigungsbereitschaft kommunizieren. Was verteidigt werden soll, ist klar: das Heil des Kindes. Das Kind soll nicht ge-
schubst, angeraunzt oder beschimpft werden, so
wie es die Eltern selbst erfahren oder bei anderen beobachtet haben (das ist die andere Seite der Medaille – die Gesellschaft ist oft nur kinder-
freundlich zu den jeweils eigenen Kindern, zu ande-
ren vielleicht nur, wenn es Spielkameraden des eigenen Kindes sind). Nein, diese Erfahrung wollen sie dem Kind ersparen.

Was diese Eltern vielleicht nicht bedenken ist, dass ihr Kind auf diese Weise weder Rücksicht lernt noch die Erfahrung machen kann, selbst ausweichen zu können. Beides unterscheidet sich nicht sehr voneinander und deshalb ist es so wichtig, beides früh zu lernen. Denn wir leben in einem sozialen System, indem die Fähigkeit zum Ausweichen manchmal lebenswichtig sein kann. Ein Training ist nur durch die Erfahrung des Zusammenstoßes möglich, doch erfordert dies zunächst das Verlassen des sicheren, elterlichen Kokons. Rücksicht ist ebenso wichtig, doch lernt man sie wiederum nur durch selbst erlebte, kleine Unfälle. Auch für dieses Training ist das Verlassen des elterlichen Schutz-
schildes nötig.

Die erstrebte Sinnfindung im Nachwuchs ist deshalb nur dann sinnvoll, wenn sich die Eltern darüber klar sind, dass zu viel Schutz und zu viel Kreisen um den Nachwuchs die Ausprägung wesentlicher sozialer Fähigkeiten beim Kind unterdrücken. Am Ende wird das groß gewordene Kind stark behindert sein bei der Teilnahme am sozialen System Menschheit.

Da das nun erwachsene Kind aber natürlich Mensch bleibt, wird dieser Mensch zwangsläufig in einem gewissen Sinn nicht ganz glücklich werden können, weil er seiner eigenen Natur als Mensch unter Menschen nicht gerecht werden kann – weil ihm bestimmte Fähigkeiten wie Ausweichen und Rücksichtnahme fehlen und ihn Fremde deshalb als Grobklotz ansehen werden.

Da die Eltern aber gerade ein glückliches Kind wollten, müssten nun auch die Eltern unglücklich sein: Ihre Sinnfindung im Nachwuchs haben sie durch ihren eigenen falschen Ansatz zum großen Teil letztlich zerstört, jedenfalls dann, wenn sie ihrem Kind bei seiner Suche nach dem Glück das Tor zur Welt öffnen helfen wollten.

Das Kind muss für sein wahres Glück das Tor selbst aufstoßen können. Den Willen aber, sich die dazu benötigte Kraft anzutrainieren, erlangt jeder Mensch nur im Erleben der eigenen Schwäche (als Einzelner) oder positiv ausgedrückt: im Bewusst-
sein, ein Mensch unter vielen (potenziell Verbün-
deten) zu sein.

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

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