Die Rezeptoren der archaischen Wurzeln | Kapitelübersicht
»An meinem Kissen schlage ich mir den Kopf auf«,¹ textete Blumfeld vor vielen Jahren. Keine andere Zeile beschreibt so klar und eindeutig dieses Gefühl in unserer Zeit: Sie wissen, irgendetwas stimmt nicht: Sie gehen durch die Straßen, sehen fern, schalten das Radio ein und wieder aus. Sie sind auf der Suche nach einer Antwort: Warum bin ich hier und warum fühlt sich alles so unecht an. Wie ein Instant-Produkt. Die Berieselung mit Medien, die verschleiert, die Bombardierung mit Motorenlärm, die verletzt, die glitzernden Fassaden, die in den Augen schmerzen. Nichts Greifbares, alles flüchtig, und doch so sehr Übelkeit verursachend. »An mei- nem Kissen schlage ich mir den Kopf auf« – JA, ich wünschte, das wäre möglich.

Die Rezeptoren unserer archaischen Wurzeln sind verstopft mit so genannten Errungenschaften der Zivilisation. Wohlgemerkt: auch das Internet gehört zu diesen Errungenschaften, um gleich mit dem augenscheinlich Paradoxesten dieses Textes zu beginnen. Wenn es das Internet nicht gäbe, hätten wir ein Medium weniger von jenen faszinierenden Blendfeuerwerken, die es zu bekämpfen lohnt. Ein Feuerwerk kann schön und erhebend sein – es bedarf nur der richtigen Zutaten und eines fesseln- den Ablaufs. Die Inhalte vieler Medien heute sind nur Letzteres: fesselnd. Es fehlen die richtigen Zu- taten. Und dies geschieht bewusst oder unbewusst deshalb, um an Ihnen Geld zu verdienen. Nur das vereinzelte Individuum hat ein Höchstmaß an potenziellem Geldwert für die Medien- und Kon- sumwirtschaft. Je verstörender der Gesamtein- druck von der Umwelt der Vereinzelten ist, desto schriller läuten die Alarmglocken im Kopf: DU MUSST VERSTEHEN, WAS VOR SICH GEHT!!!

Damit man überhaupt etwas verstehen kann von einer Materie, die nur anderen verständlich zu sein scheint, gibt es nur einen Ausweg: die Mimesis, oder auf Deutsch: die Nachahmung. Da die Wer- bung nicht nur die Notwendigkeit des Konsums suggeriert sondern genau zeigt, wie man das jewei- lige Produkt zu konsumieren hat, löst sie eine Kettenreaktion aus: Die Ersten werden durch die Werbung zu der Notwendigkeit des Produkts überredet und ahmen das gezeigte Konsumver- halten nach. Sofern diese Nachahmung in der Öffentlichkeit passiert, werden die Nachahmer zur effektivsten Werbung überhaupt: zur lebenden …

Mit jedem Konsummittel wird unsere Welt rätsel- hafter und entfernt sich von der quellfrischen Ur- sprünglichkeit des genuin menschlichen Lebens- ziels: Frieden in Gemeinschaft, Gemeinschaft in Frieden. Die Rezeptoren unserer archaischen Wurzeln existieren noch. Sie würden uns Signale übermitteln, die in uns das Gefühl erzeugen würden, das »dich sicher sein läßt, daß Du da (wo du hin- gehörst) bist.«² (Blumfeld)

Doch durch den beschriebenen Status Quo pas- sieren zwei Dinge: Die Rezeptoren werden systematisch verstopft und wir verlieren immer mehr das Sprachgefühl für die einzige Sprache, deren Mutter nicht bei einem Volk sondern bei der Menschheit an sich zu suchen ist. So wie wir der-
zeit unsere äußere Lebensgrundlage, die Natur, zerstören, verlieren wir auch gleichzeitig und nicht ohne jeden Zusammenhang unsere Sprache. Die Sprache der Menschen, die von den Rezeptoren unserer archaischen Wurzeln verstanden werden könnte. Wenn wir nur wieder die innere Stille erlangen könnten, um uns an diese Sprache zu erinnern. Wenn wir nur den Werbelärm abstellen könnten, der die Rezeptoren verstopft.

Dies ist aber nur möglich, wenn wir übergehen von einer Periode der Jugend der Menschheit in eine Epoche der erwachsenen Menschheit. Das heißt, wenn wir davon Abstand nehmen, persönlichen Besitz anhäufen zu wollen um unseren Kindern Vorteile zu verschaffen. Jeder Mensch ist wertvoll und ein geistiges Wesen. Persönliche Bereicherung führt aber zur Benachteiligung anderer. Und sie führt zum Untergang der Menschheit. Denn was es im Kleinen gibt, gibt es in diesem Fall auch im Großen. Und das entstehende Ungleichgewicht reißt den Bevorteilten mit dem Benachteiligten zusammen in den Abgrund.

Was sollten wir also stattdessen tun, als für uns persönlich Besitz anzuhäufen? Denn es ist immer viel einfacher zu sagen, was man nicht tun sollte, als zu sagen, was man tun sollte. Trotzdem hier ein Vorschlag: es gibt mindestens ein globales Anliegen und ein nationales: Global gilt es die Natur zu schützen – und dies kann ebenso national wie global im Kleinen und im Großen geschehen (: Heben Sie eine alte Batterie von der Straße auf und bringen Sie sie zu einer Sammelbox im Supermarkt – das wäre im Kleinen. Wechseln Sie zu Ökostrom oder kaufen Sie ein Stück Urwald – das wäre im Gro- ßen.) — Das nationale Anliegen betrifft vor allem diejenigen, die bereits Besitz angehäuft haben. Denn diese Menschen haben ein Interesse daran, dass alles so bleibt wie es ist. Das Paradoxe daran: Damit alles so bleiben kann, wie es ist oder wie es vor Kurzem noch war – nämlich die Gesellschaft als Einheit – muss das Geld wieder in die Gesellschaft zurückfließen. Das Kindergartenlied »Taler, Taler, du musst wandern« zeigt diese Weisheit bereits im Titel auf. Mein persönlicher Vorschlag für Sie, die Sie Besitz angehäuft haben: Investieren Sie ins Handwerk, und dort vor allem in alte, aussterbende Berufe. Denn die aussterbenden Berufe sind in der Lage genau die Produkte herzustellen, die in Zu- kunft gefragt sein werden. Es gibt nämlich schon länger (und eigentlich schon immer) einen Hang zur Nostalgie. Und so, wie wir zurzeit schweres Gerät exportieren, könnten wir in einer nicht allzu fernen Zukunft solides Handwerk (übrigens auch Kunst- handwerk) exportieren. Wir haben nämlich entwick- lungsgeschichtlich gegenüber Newcomern einen zeitlichen Vorsprung. Und was uns in dieser Plastik- welt heute schon wieder viel attraktiver erscheint, nämlich solides, beständiges, traditionsreiches Handwerk, hat für das Ausland noch ein Label dazu: Made in Germany. Das ist ein Pfund, das schwer wiegt. Das dürfen wir nicht vergessen.

Die Rezeptoren der archaischen Wurzeln werden in Zukunft in dem Maße von der Verstopfung befreit werden, wie wir bereit sind der Konsumwelt zu widersagen und uns stattdessen auf die Produktion zu stürzen. Produktion heißt in diesem Fall die Produktion von Dingen, die geistig oder handwerk- lich sein können. Sie müssen aber in jedem Fall umweltfreundlich, ehrlich, friedliebend und in einem bestimmten Sinn nützlich sein. Letzteres schreibe ich um die künstlerischen Berufe unbedingt mit einzuschließen. Denn Kunst kann eben auch in einem bestimmten Sinn nützlich sein.

PS: Ich schreibe kann, weil aus meiner Sicht nicht alle Kunst nützlich sein muss. Ein Horrorfilm wird vom Autor und dem Regisseur wahrscheinlich künstlerisch begründet werden. Solch ein Film muss deshalb aber nicht zwangsläufig nützlich sein.

¹ Zitat aus »Eine eigene Geschichte«, BLUMFELD.

² Zitat aus »Sing Sing«, BLUMFELD.

Beide Stücke auf dem Album

Audio-CD, 1994, Label: BigCat.

 

Foto: Nora Fortmann, Bearbeitung: Daniel Torrado Hermo.

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