Die Religion | Kapitelübersicht
Die Religion ist das heikelste Thema der Welt.
Es ist so heikel, dass es noch nicht einmal als ein Tabu angesehen wird. Die Religion ist praktisch absolut, losgelöst von allem. Das liegt weniger an ihrem Inhalt sondern daran, dass es verschiedene Religionen gibt. Und es ist nur dann möglich, von den anderen Religionen zu wissen und gleichzeitig seine eigene als die Richtige anzusehen, wenn sie
  • die anderen Religionen als gleichwertig anerkennt oder
  • die anderen Religionen nicht anerkennt,
    aber anerkennt, dass es Menschen gibt, die an etwas glauben, an das man selbst nicht glaubt.

Bis hierhin klingt alles noch einleuchtend und fast banal. Wenn es aber bei Religion darum geht, den Sinn des Lebens, der Welt und des Universums zu klären, gerät man in eine Zwickmühle: Denn ver- schiedene Religionen bieten verschiedene Erklä- rungen, Lösungen und Leitlinien an. Wir wollen aber nicht wissen, warum wir in unserer Heimat leben, sondern warum wir auf dieser Welt leben. Die Sinnfrage schließt alles ein, weil alles einen Sinn ergeben soll. Und deshalb befinden wir uns in einer Zwickmühle. Denn wenn wir zu einer Religion vom zweiten Punkt gehören, sehen wir die Erklä- rungen, Lösungen und Leitlinien als falsch an, die sich von unserer Religion unterscheiden. Während aber in einer Diskussion über ein belangloses The- ma sich die Teilnehmer einander annähern können, und zwar durch den Austausch von Argumenten, sind die Argumente einiger Religionen absolut und lassen keine anderen Argumente zu.

Es scheint so, als würde es unüberwindbare Hinder- nisse geben bei der Annäherung von einigen Reli- gionen. Die Lösung dieses Problems liegt in der Ab- straktion. Denn was ist die Religion für den Men- schen? Es ist vor allem die Möglichkeit, sich selbst auf eine höhere Ebene zu heben, die sich von der weltlichen Ebene unterscheidet. Sie unterscheidet sich von der weltlichen Ebene vor allem darin, dass sie rein geistig ist und von der Fantasie des Ein- zelnen abhängt. Jeder einzelne schafft sich sozusa- gen sein eigenes System, in dem er sich auf einer geistigen Ebene völlig frei bewegen kann. Freiheit spielt hier also eine große Rolle, was auch heißt, dass der Mensch sich auf Erden unfrei fühlt. Er fühlt sich abhängig von Geld, Nahrung, Wohnung, anderen Menschen, die er liebt oder von denen er finanziell abhängig ist und so weiter …

Die Fähigkeit zur Transzendenz, das heißt zum Auf- stieg in eine freie geistige Ebene, die der Mensch Religion nennt, befreit ihn für eine Zeit von diesen Abhängigkeiten. Und das ist auch der Grund, wa- rum wir alle Religionen respektieren sollen, so lan- ge sie die Menschenrechte achten. Denn Religio- nen schaffen nichts anderes als geistige Freiheit. Allerdings ist damit nicht die Freiheit gemeint, die wir von den Menschenrechten kennen. Sondern die Freiheit des einzelnen Geistes innerhalb seiner selbst. Denn der Geist eines Menschen kann un- frei sein, weil der betreffende Mensch sich für die Unfreiheit entschieden hat. Das hört sich zunächst komisch an – es ist aber gar nicht komisch. Denn Unfreiheit bedeutet, dass es Grenzen gibt, die nicht überwunden werden können. Und wenn ein Mensch sich selbst solche Grenzen schafft, dann möchte er unbewusst einen Raum für sich schaffen, der nur ihm gehört. Der dem Menschen die Sicherheit gibt, die man von einem Raum erwartet – nämlich dass keiner in diesen Raum eindringen kann, solange er verschlossen ist. Somit ist man in einem solchen Raum sicher. Wir wissen alle, dass wir das Gefühl der Sicherheit brauchen, um uns wohl zu fühlen. Deshalb dürfen wir anderen Religionen auch keine Verhaltens- weisen vorwerfen, die uns fremd sind, die aber nichts anderes sind als die Grenzen, die sie sich auferlegen, um sich sicher zu fühlen.
Andererseits geht es auch nicht, dass Menschen von Religionen mit uns fremden Verhaltensweisen unsere eigenen geistigen Räume zerstören, die wir uns mit unserer Religion geschaffen haben. Radikal gesagt heißt das: wir sollten ALLE darauf verzich- ten, äußere Anzeichen für unsere Religion zu prä- sentieren. Und zwar aus Rücksicht vor den anderen. Aber: dies ist nur radikal gesagt gewesen und darf deshalb keinen Anspruch auf Gültigkeit haben. Manches muss radikal ausgedrückt werden, damit es deutlich wird, was man meint. Aber: eine Mei- nung allein gehört einem Menschen. Und ein Mensch allein darf keine Regeln für andere auf- stellen. Nur auf demokratischem Wege dürfen Regeln aufgestellt werden. Das heißt, dass sich alle einig sein müssen. Nur: Mit »alle« sind nicht alle Deutschen, alle Europäer oder alle Katholiken ge- meint. Mit »alle« sollte immer gemeint sein: ALLE! Das heißt: wenn alle darauf verzichten sollen, äuße- re Anzeichen für ihre Religion zu präsentieren, aber nicht alle das wollen, dann muss der Rest das ak- zeptieren. Weil es immer um den Respekt und die Achtung vor dem anderen geht. Und wer stark ist wird diesen Respekt und diese Achtung aufbringen. Weil er weiß, dass es ein Zeichen von Schwäche ist, wenn man äußere Symbole der Religion an sich trägt. Denn für wen werden sie getragen? Für ei- nen selbst? – Dann hieße das, der Träger zweifelt und muss sich immer wieder bestärken in seinem Glauben, indem er ein äußeres Zeichen betrachtet, das ihn glauben machen lassen soll. – Und wenn er es nicht für sich selbst trägt, sondern für andere? Dann gibt es zwei Zielgruppen: einmal die eigene Religionsgruppe und einmal die Übrigen. Bei der ersten Gruppe dient es als Erkennungszeichen, bei der zweiten Gruppe dient es im besten Fall zu nichts.

Es ist nun einmal so, dass es verschiedene Reli- gionen gibt; das muss aber nicht heißen, dass sie sich gegenseitig bekriegen müssen, nur weil sie sich voneinander unterscheiden. Und letztlich ist es ein Zeichen von Schwäche, wenn sich Menschen dazu berufen fühlen, ihre Religion durchzusetzen, indem sie andere Religionen angreifen. Denn das heißt, dass sie den Widerspruch nicht ertragen können, der sich aus unterschiedlichen Religionen ergibt. Stark ist es, wenn man an seine eigene Religion glaubt, aber dabei so weise ist, dass man die ande- ren Religionen respektiert. Denn wer andere Re- ligionen respektiert, der respektiert damit vor allem eines: die Menschen hinter diesen Religionen. Und die Achtung vor allen Menschen sollte jedem wei- sen Menschen zu Eigen sein. Weil wir alle zu dieser einen Spezies gehören. Und weil wir alle einen Bei- trag zu ihr leisten können. Wir gehören zusammen.

Und damit komme ich zu dem letzten Gedanken zum Thema. Ich hatte gerade geschrieben: »Stark ist es, wenn man an seine eigene Religion glaubt, aber da- bei so weise ist, dass er die anderen Religionen respektiert.« Damit meinte ich wirklich die eigene Religion. Und die »eigene Religion« muss nicht unbedingt eine der Weltreligionen sein. Es gibt zum Beispiel Menschen, die an Bäume glauben. Die-
ser Glaube mag Menschen mit komplexeren Glau- benssystemen lächerlich erscheinen. Andererseits existieren Bäume tatsächlich – der Glaube an sie erscheint absurd. Aber das zeigt uns, dass es beim Glauben nicht darum geht, ob etwas in der Realität existiert oder nicht. Es zeigt uns stattdessen, dass es darum geht, ob wir etwas in oder außerhalb der Realität gedanklich aufladen. Dieses Aufladen ist der allgemeingültige Akt aller Religionen. Dieses Aufladen verbindet alle miteinander. Und dieses Aufladen ist etwas zutiefst Menschliches. Wir soll- ten uns also freuen, wenn wir einem Menschen begegnen, der auf friedliche Weise seiner Religion nachgeht. Egal für welche er sich entschieden hat. Egal welche er für sich erschaffen hat.

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

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