Die Kunst | Kapitelübersicht
Die Kunst ist ein Spiel und Spielzeug für Erwachse-
ne. Wie wir aus der Spielzeugwelt wissen, gibt es auch viel Spielzeug, das uns nicht anspricht. Das kann zum Einen daran liegen, dass wir zu alt dafür sind, zum Anderen daran, dass es vielleicht sogar von minderer Qualität ist. Da die Kunst ein Spiel oder auch Spielzeug (nicht nur) für Erwachsene ist, ist es hier ähnlich wie in der bekannten Kinder-
spielzeugwelt: Es gibt hier Dinge, die uns nicht an-
sprechen. Das liegt daran, dass viele Kunstpro-
duzenten machenschaftlich vorgehen. Das heißt: Viele Kunstproduzenten haben die Regeln dafür erkannt, was zu einem guten Kunstwerk gehört,
und produzieren Kunst nach diesen Regeln.

Die erste Regel lautet Originalität, die zweite Formalität, die dritte Rigorosität. Was bedeutet das? Originalität bedeutet, dass die Arbeiten originell sind, das heißt, dass etwas so noch nie Dagewesenes die individuelle Handschrift des Künstlers trägt. Formalität bedeutet, dass Kunst sich in einem bestimmten Markt etabliert hat, in dessen Kontext sich die Kunst einfügen können muss. So wird Kunst allgemein nur dann als wahre Kunst und nicht als Ware Kunst angesehen, wenn sie in einem Museum hängt. Eine Stufe darunter befinden sich die Galerien, die aber zum Teil den Museen indirekt zuliefern, indem sie bestimmte Künstler populär und damit museumsfähig machen. Für die Galerien ist Kunst Ware, die aber nicht
als Ware Kunst sondern als wahre Kunst angeprie-
sen, im besten Falle aber auch angesehen wird.

Die Rigorosität in der Kunstproduktion steht für den gleich bleibenden oder sich entwickelnden Stil und für die künstlerische Arbeit an sich. Die Be-
dingung hierfür ist eine konsequente und permanen-
te Arbeitsweise. Der Künstler macht nicht einfach Kunst – er MUSS sie/seine machen. Rigoros ist der Künstler mit sich in dem Sinne, dass er sich streng untersagt, auf andere zu hören und stattdessen sei-
ne Kunst „durchzieht“. Dazu muss er streng gegen sich selbst sein, denn natürlich wäre es angeneh-
mer den Erwartungen der anderen zu entsprechen. Der Preis für diese Haltung ist die Einsamkeit während und vielleicht auch mit der Arbeit. Dafür kann er hoffen, dass sein Geist in die Arbeit ein-
geflossen ist. Die Wahrscheinlichkeit hierfür sinkt aber in dem Maße, wie er versucht, seinen Geist dabei zu beobachten, wie er einfließt. Beobachten meint hier Filtern. Nur der ungefilterte Geist liefert den erforderlichen …

Man sagt von gewissen Produkten, von welchen man erwartet, daß sie sich, zum Teil wenigstens, als schöne Kunst zeigen sollten: sie sind ohne G e i s t ; [obgleich man] an ihnen, was den Geschmack betrifft, nichts zu tadeln findet. Ein Gedicht kann recht nett und elegant sein, aber es ist ohne Geist. Eine Geschichte ist genau und ordentlich, aber ohne Geist. Eine feierliche Rede ist gründlich und zugleich zierlich, aber ohne Geist. Manche Konversation ist nicht ohne Unterhaltung, aber doch ohne Geist […]. Was ist denn das, was man hier unter Geist versteht? ¹

Immanuel Kant

Da im Menschen die Fähigkeit zur Kunst angelegt ist – denn Kunst ist eine vor allem geistige Tätig-
keit, und der Mensch ist ein geistiges Wesen – erkennt er instinktiv, ob ein Werk der Kunst nur machenschaftlich, unter Berücksichtigung der drei Regeln, entstanden ist, oder als geistiges Pro-
dukt. Denn der Geist erhebt sich über alle Regeln. Gerade die Regelwidrigkeit ist ein Zeichen für originelle Kunst, nicht der äußere Anschein, hier sei etwas noch nie Dagewesenes zu sehen. Denn es ist sehr einfach etwas noch nie Dagewesenes zu produ-
zieren. Aber etwas Regelwidriges zu produzieren, das gleichzeitig Geist hat, ist ungleich schwerer. Zumindest hat es den Anschein schwerer zu sein.
In Wahrheit ist es einfach und leicht, wenn es uns nur nicht so schwer fallen würde, das Regelwerk über Bord zu schmeißen. Denn das ist unsere größ-
te Crux: die Hinwendung unserer Aufmerksamkeit zu den Regeln, der Regelhaftigkeit und dem Regel-
werk. Diese Hinwendung steht gleichzeitig für die Einbuße von Freiheit. Und deshalb fühlen wir uns auch so wohl, wenn wir uns an Regeln festhalten können:

Als von Brot, Kleidung, Dach und anderen Men-
schen abhängig, sind wir uns der Unfreiheit mehr oder weniger bewusst, die diese Abhängigkeiten mit sich bringen. Wie schön ist es dann, wenn wir uns ganz freiwillig für selbst geschaffene Regeln ent-
scheiden können?! Die freiwillig gewählte Abhäng-
igkeit überdeckt einerseits die unfreiwillige Ab-
hängigkeit. Andererseits lässt sie ein Gefühl ent-
stehen, dass uns bereits vertraut ist, nämlich das der Abhängigkeit, unsere vertraute Feindin.

Wenn wir dieses Verhalten ablegten und diese künstliche Abhängigkeitsebene verließen, hätten wir viel gewonnen. Wir wären nämlich nicht nur
in der Lage Kunst zu produzieren, sondern hätten ein erneu(er)tes Bewusstsein für den Umgang mit unseren Mitmenschen. Denn so, befreit von allem belastenden Regelwerk, das die menschlichen Verhältnisse teuflisch abstrahiert, könnten wir mit offenen Armen aufeinander zugehen. Sollten Sie nun den Wunsch verspüren, ebendies zu wollen, gehören Sie zu der Communität von Sinngabe, die sich beizeiten auf sinngabe.com präsentieren wird. Sie wollen mit dabei sein? Dann schreiben Sie dem


Künstler haben viel dazu beigetragen ein Klima zu schaffen, in dem die meisten Leute das Gefühl haben, die Kunst habe nichts mit ihrem Leben zu tun. — Ich glaube, dass man als Künstler, der etwas liebt oder eine Leidenschaft hat, das Verlangen haben muss, es mit anderen zu teilen. ²

Royston Maldoom

¹ Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft (Erster Teil, I. Abschnitt, 2. Buch, § 49).

² Rhytm is it!, Regie: Thomas Grube, Enrique Sanchez Lansch; Boomtown Media, D 2004. Ab 1:22:08

 

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