Die Kreativität | Kapitelübersicht
Die Kreativität ist nicht irgendetwas. Sie ist zu- nächst einmal ein Missbrauchsopfer und schließlich doch der Schlüssel zu allem Guten. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die sich sozial engagieren, für eine bessere Welt und für Frieden, dann kommen Sie nicht um die Kreativität herum. Denn sie ist eine unglaublich starke Waffe gegen Krieg, Hass, Intoleranz und Gleichgültigkeit. Warum meine ich das? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass ein Mensch, dessen Kreativität gefordert wird, keine Kraft mehr für Krieg, Hass, Intoleranz und Gleich- gültigkeit hat. Er wird sich stattdessen in der Folge ganz dem kreativen Ziel widmen – er wird sogar Entbehrungen in Kauf nehmen, nur um das Ziel zu erreichen.

Doch falls Sie nun Heureka! rufen und ein Transpa- rent malen mit der Überschrift »Mehr Malkästen für die Gesellschaft!«, haben Sie etwas missver- standen … Joseph Beuys hat einmal gesagt: »Man kann doch heute nicht einfach wieder Leinwände aufspannen und die bemalen. (…) Die Bilder, die heutige Maler oftmals produzieren, sind deswegen so schlecht, weil sie sich egoistisch in einer Zeit bewegen, die längst etwas anderes von ihnen for- dern würde. Das heißt, die Bilder sind deswegen so schlecht, weil sie die eigentliche Farbigkeit in der neu entstehenden Disziplin der Kunst – wenn die Kunst sich aus sich selbst entwickelt, aus ihrem modernen Feld in das anthropologische Feld – weil sie das überhaupt nicht beachten«.¹ —
Was er damit meinte ist wahrscheinlich, dass in der heutigen Zeit die Kunst weitergefasst werden sollte. Für viele ist nämlich die Kunst mit all ihren Grup- pen der einzige Bereich, in dem Kreativität ge- fordert ist. Joseph Beuys meinte jedoch, dass je- der Mensch ein Künstler sei, wollte damit jedoch ausdrücken: Jeder Mensch ist geworfen in diese Welt. Um zu überleben, muss er aber kreativ wer- den, er muss Mittel und Wege (er-) finden, um nicht vorzeitig zu sterben – an Hunger, an Durst, an Ein- samkeit. Deshalb sei jeder Mensch ein Künstler, so könnte man diese Aussage interpretieren. Und des- halb ist das Leben an sich schon eine Kunst – so könnte man die gängige Redewendung dafür benut- zen. Und da Kunst immer von Menschen gemacht wird, und Menschen normalerweise in Gruppen, das heißt in sozialen Gefügen leben, erfand Beuys für seine Sicht auf die Kunst und die Menschen den Begriff der Sozialen Plastik. In diesem Fall muss Plastik keine Skulptur aus bestimmtem Material sein, auch kein Kunststoff, sondern Soziale Plastik kann auch etwas Immaterielles sein, das aus Ge- danken, Vorstellungen, Regeln und Ähnlichem be- steht. Sie ist unsichtbar, wenn alle schlafen, doch sobald jemand wach ist, arbeitet, kommuniziert, drückt sich darin die Soziale Plastik aus, die dann
in eine Lebenshaltung gemündet ist.

Sie finden das komisch, gar utopisch? — Beuys hatte einmal ein Projekt ins Leben gerufen, das hieß »7000 Eichen« und sah vor, die gesamte Stadt Kassel mit Eichen zu begrünen. Beuys legte auch selbst Hand an und antwortete auf die Frage eines Journalisten, wie viele Bäume gepflanzt werden sollen: »Das Ziel ist, die ganze Welt mit Bäumen voll zu pflanzen (…) – das geht alles!« ² —
Was ich sagen will ist: es ist das Schicksal des literarischen Begriffs »Utopie«, dass die Utopie nie eintreffen wird – das ist definitorisch so festgelegt. Deshalb geht es hier auch nicht um eine Utopie, denn es geht wirklich alles. Wer die besseren Ar- gumente hat, sollte gewinnen. Es geht hier um eine Bewegung, es geht um eine Bewegung nach vorn,
in die Zukunft, »damit das Spiel der Mächte weiter- besteht und du deinen Vers dazu beitragen kannst. — Damit das Spiel der Mächte weiterbesteht und du deinen Vers dazu beitragen kannst … Was wird wohl euer Vers sein?« (Aus dem Film »Der Club der toten Dichter«.)

»Die Soziale Plastik ist das, was zwischen den
Menschen in der Zukunft geschieht um neue Ver- hältnisse in den Systemen, die existieren, auf- zurichten. Ich spreche ganz klar von der Überwin- dung von Privatkapitalismus und Kommunismus, also [davon,] eine neue Ebene zu erreichen. Diese Tätigkeit ist aber bereits im Gange. Also, Sie sehen: Die Soziale Skulptur ist eine Aktivität der Menschen, ist etwas zunächst rein Geistiges.« Joseph Beuys, 1982³

¹ In: Beuys über Beuys, WDR 3 Fernsehen, 29. Februar 1988, 22.45-23.45 Uhr.

² In: Beuys als Politiker, arte Fernsehen, 26. März 1997, 0.05-0.25 Uhr.

³ In: kultur aktuell, NDR 3 Fernsehen, 18. Februar 1988, 21.35-22.25 Uhr.

 

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