Die Kopfpolitik | Kapitelübersicht
Die Kopfpolitik ist die Tochter der Hauspolitik. — Nachdem die Länder ihre Hauspolitik in ruhige Gewässer gebracht haben, können sie parallel Kopfpolitik betreiben. Kopfpolitik hat inhaltlich große Ähnlichkeit mit der allseits bekannten Außenpolitik. Formal spiegelt sich aber eine neue innere Haltung (siehe Herzpolitik) der Kopfpolitik im Vergleich zur Außenpolitik darin wider, dass es um eine ZUSAMMENFÜHRUNG UND EINIGUNG DER GESAMTEN WELT geht. Diesem Ziel liegt die Ansicht zu Grunde, dass die Welt ein KOPF ist, dessen Gehirn aus uns Menschen besteht. Danach sei jeder Mensch eine Gehirnzelle. Und wie wir wissen, sind echte Gehirnzellen miteinander verknüpft. Wenn es zu einer Unterbrechung der Blutversorgung kommt, stirbt das Gehirn und mit ihm der Mensch. Werden nur Bereiche des Gehirns vom Blutfluss abgekappt, kommt es zum Schlaganfall, zu Lähmungen des Körpers, zu Gedächtnis- und/oder Sprachverlust. Innerhalb dieser Analogie stehen diese Erkrankungen für das psychische Leben Einzelner im Zusammenhang mit dem sozialen Leben von Gruppen: Jeder Einzelne wirkt sich auf die Gruppen aus, denen er angehört, so wie eine erkrankte oder abgestorbene Gehirnzelle sich auf die unmittelbar umliegenden Gehirnzellen auswirkt. Die umliegenden Gehirnzellen müssen sich dann neu einstellen, das wirkt sich wiederum auf Nachbarn aus und so fort. Sinngabe ist fest davon überzeugt, dass die Psyche eines Einzelnen sehr weite Kreise ziehen kann. Deshalb muss es im Interesse nicht nur eines Staates, sondern eben der ganzen Welt liegen, sich um das Gedeihen eines jeden Menschen zu kümmern. Da der Staat von den Staatsangehörigen und also von den Bürgern eines Landes getragen wird, heißt das: Wir alle müssen umdenken und lernen, was es heißt, Mensch zu sein. Das Ziel der Menschheit ist das friedvolle, umsichtige und verantwortungsvolle Miteinander. Damit ist aber nicht nur das Miteinander von Einzelnen, sondern auch von Gruppen gemeint. Denn merke: nicht nur der einzelne Kranke wirkt sich auf eine Gruppe aus. Die so erkrankte Gruppe wirkt sich auch auf vergleichbare Gruppen aus. Die Summe dieser Gruppen könnte ein Staat sein. Diese Gruppe, nämlich der Staat, wirkt sich auf die umliegenden Staaten aus bis schließlich die ganze Welt erkrankt ist. Eine Genesung kann nur durch ein globales Umdenken erfolgen.

Wenn wir also von Kopfpolitik sprechen, meinen wir das Ziel, jeden Menschen auf der Erde zu ernähren, zu kleiden und mit einem Heim zu versehen (Grundlagen für ein erfülltes Familienleben) und darüber hinaus für seine Bildung zu sorgen. Dass hierzu ein Arbeitsplatz mit Mindestlohn gehört, wird vorausgesetzt. So ein Mindestlohn ist durchsetzbar, wenn eine langfristige Bewusstseinsveränderung im Sinne von Sinngabe einsetzt. Aber auch äußerlich sind Änderungen nötig: Die Infrastruktur muss verändert werden, zum Beispiel durch Umsiedelung der Betriebe vom Land an den Stadtrand, um die Notwendigkeit von Privat-PKW abzuwenden. Durch eine Konzentration der Städte können Energie und damit Geld gespart werden. (Geld, das nötig ist, um die gestiegenen Konsumpreise zu bezahlen (siehe unten).) Natürlich müssen bei der Planung genügend Grünflächen für die Lebensqualität und das Städteklima im Sommer vorgesehen werden, denn der Mensch liebt die angenehm-frische Brise, nicht den brennendheißen Beton-Mief.

Je ähnlicher die Lebensbedingungen für alle sind, desto friedvoller wird das globale Miteinander sein. Da die Klimakatastrophe kommen wird, heißt das aber auch für viele Menschen, ihren angestammten Lebensraum verlassen zu müssen oder in ihm unterzugehen. Deshalb ist ein Ziel der Kopfpolitik, die jeweiligen Hauspolitiken darauf vorzubereiten, Gäste aufzunehmen. Dabei gilt der Grundsatz: Nicht das Boot ist voll, sondern einige bisherige Bootinsassen sind zu fett geworden. Gleiche Rahmenbedingungen für alle schaffen gerechte Voraussetzungen für individuelle Entfaltung innerhalb der Gruppe. Wenn nicht alle die Möglichkeit zur Entwicklung ihrer Fähigkeiten haben, schadet das der Entwicklung der Gruppe und damit wieder jedem Gruppenmitglied. Und der Mensch, als Sozialwesen, ist entweder Gruppenmitglied oder zu Tode betrübt. Dabei darf die Mitgliedschaft ruhig sehr locker definiert sein: Jemand, der gerne allein ist, aber brav seine Steuern zahlt und keine kriminellen Dinge tut, ist Gruppenmitglied. Denn möglicherweise ist er ein Schläfer. Das heißt, er ist jemand, dessen Fähigkeiten zurzeit nicht erforderlich sind. Dieser Schläfer kann aber in Notfallsituationen lebensrettend für die gesamte Gruppe sein.

Die Menschen sind verschieden und in dieser Verschiedenheit steckt geistiger Reichtum mit all seiner Vielfalt der Möglichkeiten. — Dieses Ziel, nämlich das Potenzial eines jeden Menschen zu fördern, verfolgt im Übrigen auch die Hauspolitik, nur hier eben zunächst einmal für das eigene Land. Unbedingt wichtig ist: Die Hauspolitik hat die höchste Priorität. Das heißt, dass zunächst die eigenen Leute versorgt sein müssen. Dies geschieht aber nicht aus Egoismus sondern aus der festen Überzeugung, ein starkes Land kann eine stärkere Kopfpolitik führen als ein schwaches. Und aus dieser simplen Erkenntnis kommt Sinngabe zu dem Schluss, dass starke Länder schwächeren Ländern bei ihrer Hauspolitik helfen müssen. Aber schon jeder einzelne von uns könnte JETZT schon alleine bei seinem eigenen Konsumverhalten Kopfpolitik betreiben: Kein Tropenholz kaufen, denn der Regenwald ist unsere Hauptschlagader. Kein Auto fahren, denn CO2 ist wie Salz an dieser Arterie. (Wenn Sie das Auto beruflich brauchen, lassen Sie Bäume pflanzen, um den CO2-Ausstoß zu kompensieren.)

Kopfpolitik ist simpel: Hilf allen, die Hilfe brauchen und dich darum bitten, denn damit hilfst du dir selbst. Man kann sogar die Hauspolitik in diesem Beispiel herunter brechen: auf die Formel „Hilf dir selbst, damit du anderen besser helfen kannst“. Das bedeutet für den Staat: Kopfpolitik ist Außenpolitik mit gewandelter Weltanschauung und Hauspolitik ist Innenpolitik mit einer neuen Sicht auf die Bürger: Sie sind nicht mehr ruhig zu haltendes Vieh, das brav seine Steuern zahlen soll, um mit diesem Geld die Ausreißer in Schach zu halten und effektive Zäune zu bauen, die in Allianzen mit den Nachbarn überwacht, verteidigt und strategisch gegen Feinde beschützt werden. NUR UM ALS HERRSCHER DIE VORZÜGE ABSOLUTER MACHT ZU GENIESSEN. NEIN, diese neue Sicht sieht den Bürger als Schatz an, den es zu umhegen und zu pflegen gilt. Es geht nunmehr darum, das Glück des Einzelnen im Glück mit der Gruppe zu erkennen. Und das Glück ist nur durch Entfaltung möglich. Das Ausdrucksmöglichkeit auf der Gruppenbühne ist beides: die ersehnte Unterhaltung für die Gruppe und die ersehnte Expression des Vortragenden.

Die Hauspolitik geht davon aus, dass die Stärke eines Landes in der Zufriedenheit seiner Bürger liegt. Und die wahre Zufriedenheit liegt im Ausschöpfen des eigenen Potenzials. Der damit einhergehende Verschleiß soll aber durch eine von Anfang an gerechte und ausreichende Entlohnung ausgeglichen werden.
Die Kopfpolitik geht davon aus, dass ein schwaches oder gar im Sterben liegendes Land eine Gefahr für den gesamten Kopf darstellt. Und sei es nur die Gefahr, dass die Vielfalt im Kopf bedroht ist. Geistige und kulturelle Vielfalt sind zumindest potenziell lebensrettend für den gesamten Kopf. Und damit: für uns alle!

Die konkreten ersten Ziele der Kopfpolitik sind: die radikale Erhaltung der Natur auf Kosten konsumentenfreundlicher Annehmlichkeiten; denn nur so wird die Welt weiterhin ein Ort mit Lebensqualität sein. Internationale Mindestlöhne auf Kosten konsumentenfreundlicher Preise; denn nur so kann die Vernetzung der Menschheit und damit die Einheit gelingen. Die Delegierung einer internationalen Gruppe, die eine globale Leitkultur entwickelt und die im regen Austausch mit der Kopfpolitik steht. Die Sehnsucht der Menschen nach Identität und Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist zutiefst menschlich; sie hat aber in der Vergangenheit den Fehler gemacht sich einen kleinen Teil der Menschheit auszusuchen, um dort Identität und Zugehörigkeit zu finden. Doch im Zeitalter der Globalisierung, die sich bislang nur auf die Wirtschaft erstreckte, ist die Zeit endlich reif für eine Weltkultur. Nicht umsonst gibt es von der UNESCO das ausgelobte Weltkulturerbe. Was bislang rein institutionell war, muss endlich Einzug in alle Köpfe, in alle Zellen, halten. Dazu gehört auch ein neues Schulfach. Damit es auch bei den Schülern ankommt, darf es ruhig einen etwas cooleren Namen haben: Kopfhaus. Dieser Name gibt für alle Uneingeweihten ein Rätsel auf, soll aber sofort geklärt werden. Das Kopfhaus ist ein Schulfach, in dem Philosophie, Geografie und Politik eine Symbiose eingehen. Dieses Fach soll als einen Schwerpunkt Projektunterricht haben. Es soll keine Noten geben, wohl aber kleine Abzeichen und Urkunden für bestandene, das heißt erfolgreich abgeschlossene, das heißt in die Lebenspraxis überführte Projekte geben. Diese Urkunden können dann später den Bewerbungsunterlagen für Studium, Ausbildung und Berufe beigelegt werden. Beispiele für Projekte sind in der Primarstufe Plätzchen Backen für eine Spendenaktion, Säuberung von Stadt, Wald und Wiese unter Einbeziehung von Umweltkunde (Altbatterien, -glas, Kunststoff) etc. In der Sekundarstufe können dann kommunale, nationale und globale Projekte angegangen werden. Möglichkeiten hierzu sollen der aktuellen Tages- und Umweltpolitik und der Wirtschaft entnommen werden. Es geht hier vor allem um Kreativität, denn der Erfolg eines Projektes hängt davon ab, ob durch das Projekt die gewollte Änderung herbeigeführt werden kann oder zumindest in Gang gebracht wird. Es soll hierbei durchaus so weit gedacht werden, andere Schulen, seien es kommunale, nationale oder internationale, in das Projekt einzubeziehen, wenn es nötig und fruchtbar erscheint. Bei allen Projekten jedoch geht es nicht um Parteienpolitik, das ist der Clou. Es soll argumentiert, eruiert und evaluiert werden, um ein demokratisch geführtes Projekt zum Ziel zu bringen. Allerdings ganz bewusst ohne sich auf bestehende Parteien zu beziehen. Sinngabe ist der festen Überzeugung, dass dadurch ganz nebenbei die Politikverdrossenheit ausgemerzt werden kann, denn demokratische Politik kann auf diese Weise wieder als das verstanden werden, was sie eigentlich und ursprünglich bedeutet hat: als ein Instrument zur Kanalisierung unterschiedlicher Interessen in eine gemeinsame Bahn.

Wie man sieht, sind sich Kopf- und Hauspolitik sehr ähnlich. Das ist auch natürlich, denn obwohl die Hauspolitik die höhere Priorität haben muss, unterliegt sie eigentlich der Kopfpolitik. Dies scheint widersprüchlich, und der Widerspruch lässt sich nur auflösen, wenn klar ist: Eigentlich sind die Staatsgrenzen nur Grenzen in den Köpfen aller. Sie existieren als solche nicht sondern werden allein von uns Menschen am Leben gehalten. Das hat eine Weile gut funktioniert und wird aus praktischen Gründen vielleicht für immer nötig sein. Aber Fakt ist auch: Die Erde in ihrer Gesamtheit ist unser aller Haus. Wenn wir sie aber als unser aller Haus ansehen, so ist die eingeführte Kopfpolitik nichts anderes als Hauspolitik.

Bleibt am Ende noch Eines zu klären: Wie ist das mit der Abschaffung konsumentenfreundlicher Annehmlichkeiten gemeint? Denn als Konsumenten, die wir nun mal sind, muss uns diese Forderung in Angst und Schrecken versetzen. Nun, es geht darum, dass ein Bananenpflücker von seiner Arbeit genauso gut leben können soll wie in unserer Gesellschaft ein Biobauer von seinen Äpfeln. Umgekehrt heißt es, dass subventionierte Überproduktion aufhören muss. Ein Bauer in Afrika soll seine Produkte auf dem afrikanischen Markt verkaufen können, ohne dass ihm subventionierte EU-Ware tödliche Konkurrenz macht. Doch bei knapper werdenden Anbauflächen für Nahrungsmittel aufgrund der benötigten (subventionierten) Produktionsflächen für Biokraftstoff – DIE ARMEN ZAHLEN MEHR FÜR IHR BROT, DAMIT DIE WOHLHABENDEN IHRE AUTOS DURCH DIE GEGEND FAHREN KÖNNEN – wird wenigstens die Überproduktion langfristig unmöglich. Freilich ist es dann für den beschriebenen afrikanischen Bauern und seine Kulturflächen schon zu spät. Der stirbt nämlich gerade an unserem Überfluss.

Solange wir lieber einen Schokoriegel kaufen und an dem Kilo Bananen für den gleichen Preis vorbeigehen, solange wir nicht erkennen, dass für unsere Gesundheit nur eine einzige Banane – die in der Menge vergleichbar ist mit einem Schokoriegel ist –, ungleich wertvoller ist als dieser dämliche Schokoriegel und deshalb die Banane doch mehr kosten müsste als dieser BLÖDE Schokoriegel: so lange werden wir ärmliche Konsumenten sein. Und so lange werden wir uns auch vor der Abschaffung konsumentenfreundlicher Annehmlichkeiten fürchten.

Wenn es uns aber endlich gelingen könnte, aus diesem glücklosen Verbraucherjammertal heraus zu finden und wieder zu dem werden, was wir vor dieser Überzüchtung einmal waren – nämlich MENSCH –, dann könnten wir auch innerliche Kopfpolitik betreiben, indem wir respektvoll an die Arbeit des Bananenpflückers denken, wenn wir eine Banane essen. Und dann wird uns auch die Banane besser schmecken als die ekelhaft süße Schokolade, mit der wir sonst immer auf unsere Bauchspeicheldrüse gehauen haben.

 

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