Die Droge und die Drogen | Kapitelübersicht
In einem Radiobeitrag berichtete jemand von eigenartigen Halluzinationen: Er hatte Kinderstätten gesehen.
Kinderstätten, in denen Kinder auf diese Welt vorbereitet wurden …

Wir stellen oft die Sinnfrage – und selten genug greifen einige von uns zu halluzinogenen Drogen, um das Bewusstsein zu erweitern. Wieder einmal verhalten wir uns dabei wie die Hummel vor dem Fenster: Während wir durch die Welt reisen, um diese zu betrachten, entzieht sie sich unserem Zugriff – und dabei entsteht das Gefühl, als ob wir uns an unseren Kissen den Kopf aufschlagen würden (Blumfeld).¹ Wir akzeptieren das Geheimnis nicht sondern wollen wie Gott sein und alles wissen.

Dabei müssten wir nur genau wie bei der Hummel von dem direkten Weg (in die Sackgasse) Abstand nehmen und den Umweg suchen. Der Umweg aber ist das Leben selbst. Hierbei stellt der Tod nicht das Ziel dar, wie angenommen werden könnte. Ziel des Lebens ist immer das Leben selbst. Wenn dies nicht so wäre, könnten wir ja alle den direkten Weg von der Kinderstätte in das dunkle Wesen nehmen. Aber dann wüssten wir weder etwas über uns noch über die anderen. Wir wären blind gegenüber allem. Und: wir wären nicht wir. Wir brauchen diese Simulation unseres Selbst, genauso, wie das dunkle Wesen uns braucht, die wir ein Teil von ihm sind.

Unsere Gedanken kommen dort her, wo wir selbst herkommen. Sie fließen durch uns hindurch (besser gesagt durch unser Gehirn) und sind zugleich die Kommunikation des dunklen Wesens mit sich selbst. Der Knackpunkt, die Metabasis ist allerdings, dass wir nicht nur die gespiegelte Kommunikation des dunklen Wesens mit sich selbst sind, sondern dass wir uns als eigenständige Wesen in dieser Welt verorten und verankert fühlen. Doch das ist nur der subjektive Teil, der zwangsläufig sterben wird. Wir sind wie das Vinyl einer Schallplatte: Indem wir als spiegelnde Empfangsgeräte für die Signale des dunklen Wesens dienen, wir in uns etwas geprägt, das ebenso eigenständig wirkt wie vergänglich ist. Doch genauso wenig wie die Schallplatte selbst eine Musik ist, sind unsere Körper, unser Fleisch und unser Gehirn keine Person. Die Person entsteht erst im Wechselspiel zwischen den Signalen des dunklen Wesens und dem Gehirn. Dabei entsteht für die Lebensdauer des Körpers eine Art von Arbeitsspeicher, der für die Verarbeitung aller menschlichen und wesensähnlichen Aufgaben verantwortlich ist. Die wesensähnlichen Aufgaben sind die Selbstreflexion des Wesens und die damit verbundene Klärung des Wesens. Die menschlichen Aufgaben sind die, die im Zusammenhang mit den weltlichen Rahmenbedingungen und der Subjekthaftigkeit des Menschen anfallen.

Unsere Gedanken können nun beidem entstammen: Entweder den Rillen der Schallplatte, oder der Musik selbst. Wer schon einmal Live-Musik gehört hat, kennt den qualitativen Unterschied. Denn wer eine Schallplatte oder auch eine CD anhört, weiß: Die Quelle der Musik ist ein toter Gegenstand, ein Lautsprecher. Die Musik kann aber nur von einem lebenden Menschen gemacht werden. Ihre Aufzeichnung ist ein gewohntes Mittel um sie zu reproduzieren. Allein die Reproduktion ist aber nie echt.

Wenn wir also in dieser Welt nach Echtem suchen, finden wir es nur dort, wo sich unser Gegenüber in einem akuten Zustand des geöffneten Gerichtetseins auf die Signale des dunklen Wesens befindet. Wir spüren dies instinktiv an der Ausstrahlung seiner Person oder an der Strahlkraft seiner Werke.

Und die Natur selbst? Sie muss sich nicht erst richten. Als selbstständiger Teil der Formel ist sie unser Medium und gleichzeitig das Medium, das die Selbstreflexion des dunklen Wesens ermöglicht. Wir können an der Natur die Komplexität der Ersten Bewegerin ablesen. Ihre Botschaft.

Insofern ist die Natur wie ein Fernseher: wir können indirekt mit der Ersten Bewegerin kommunizieren. Indem wir uns über das Geschenk unseres Bewusstseins freuen und das Medium, mit dem das Mutterbewusstsein mit uns kommuniziert, pflegen. Dies ist eigentlich selbstverständlich. So selbstverständlich, wie Sie nicht täglich einen mittelgroßen Stein auf Ihren Bildschirm aufschlagen lassen.

Wer die Natur zerstört, zerstört den Spiegel seines Bewusstseins. Und wem das egal ist, der handelt als ein Subjekt, dessen Bewusstsein Gefahr läuft, nicht auf der großen Festplatte gespeichert zu werden. Es wird unter Umständen verfallen, so wie der Arbeitsspeicher zusammenbricht, wenn der Computer kaputt geht. Unter Umständen wird es verfallen, weil die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass im Zeitpunkt des Todes ein Bewusstsein wahrhaftig vorherrscht, das von der Rühmung und Bewahrung der Formel bestimmt wird. Denn: warum sollte die Formel es wollen, dass sie einen ihr fremden Teil in sich integriert?

Der Verlust eines Armes ist bitter. Und ein zerstörerisches Subjekt, das diesen Text versteht, wird sich damit trösten wollen, dass der Verlust eines Teils seines Bewusstseins nicht so schlimm sein kann. Es malt sich aus, dass die Unkenntnis über den Verlust dieses Teils einhergeht mit dem Unvermögen sich an jenen Teil überhaupt zu erinnern. Dies stimmt aber nur, wenn es zu keinem Vergleich mit anderen kommt: So würde in einer Welt, in der es nur Mütter gäbe, niemand auffallen, der keinen Vater hätte.

Wenn aber der Gesamtbewusstseinsstrom wie in einem Adersystem zirkuliert und ein Teilbewusstsein immer beides können muss – das arterielle Pumpen (im Subjekt-Rhythmus) und das venöse Aufhalten (Empfangen des Bewusstseinsstroms) – wird es zwangsläufig nicht ohne Weiteres in das System eingegliedert werden können.

¹ Zitat aus »Eine eigene Geschichte«, BLUMFELD, aus dem Album

Audio-CD, 1994, Label: BigCat.

 

 

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