Die Disziplin | Kapitelübersicht
Die Disziplin ist etwas sehr Begehrliches. Zumin- dest für diejenigen, die Disziplin nötig hätten. Diszipliniert zu sein bedeutet, seinen eigenen Prin-
zipien bedingungslos treu zu sein, wobei diese
Prinzipien solche sind, die mit dem Beruf oder dem Hobby zusammenhängen. So scheint es abwegig, beispielsweise in einem Roman den Satz zu finden: »Er war sehr diszipliniert bei der Aufrechterhal- tung seiner Freundschaft zu Karen … «. Disziplin hat eben nichts mit Herzensangelegenheiten zu
tun. — Doch stimmt das tatsächlich? Oder trifft die- se These auf einer pervertierten Ebene unserer Wahrnehmung doch nicht zu? Denn Werbung funk- tioniert oft mithilfe von sehr schlanken oder sehr durchtrai- nierten oder prominenten Models. Diese Models sind zumeist sehr diszipliniert in ihrer Ka- lorienaufnahme. Zwar ist diese Disziplin für die Models selbst von beruflicher Natur – und somit stellt sie die These bis zu diesem Punkt noch nicht in Abrede. Doch auf den zweiten Blick können wir der Tatsache gewahr werden, dass wir die Dis- ziplin der Models durchaus begehrenswert finden. Haben auch wir immer diese eiserne Disziplin?
Die Disziplin Nein zu sagen zu den Verlockungen der Konsumwelt – wenn auch hierbei zunächst beschränkt auf die wörtlich einzuverleibenden Kon- sumgüter? Und dann erst, oder auch gerade erst, ausgeweitet auf das Gesamtspektrum der zu konsu- mierenden Waren und Naturgüter?

Wie dem auch sei, diese Disziplin wird nun zu un- serer Herzensangelegenheit, durch die schlanken und die durchtrainierten und die prominenten Mo- dels, die auf unsere Herzen abzielen.

Ex tempore: Selbstverständlich ist es eine lästige Qual für uns, einen Fokus auf unsere Konsum- gewohnheiten zu legen. Zumindest dann, wenn wir selbst nicht einverstanden sind mit Teilen dieser Gewohnheiten. Und auch wenn wir uns nicht lösen können, möchten wir doch zu gerne wissen, warum wir es tun?! Wiederum gibt es eine natürliche Er- klärung dafür: Denn im Laufe der Menschheits- geschichte haben sich diejenigen weiter- und schnel- ler entwickelt, die ausprobiert haben. Beispiel: Die- jenigen, die eine bestimmte Nahrung entdeckt und ausprobiert haben, waren im Vorteil gegenüber je- nen, die diese neue Nahrung vielleicht verschmäh- ten – aus Angst vor Vergiftung. Dabei wird auch klar: es gab immer Risiken bei der Wahl des Kon- sumgutes. Doch die Angst vor den Risiken – weil man ihnen selbst schon einmal ausgesetzt war und dabei verloren hat – war für andere ein Vorteil. Wer aller Warnungen zum Trotz doch konsumierte, war im Vorteil, wenn ihm das Glück zur Seite stand. Aus der Sicht derer, die auf diese Weise einen Überle- bensvorteil erlangten, ist eine Warnung vor etwas, das angeblich schädlich sein soll, also eine Lächer- lichkeit.

So merke: Unser Konsumverhalten ist weder Be- ruf noch Hobby sondern ist das Ergebnis einer sehr langen Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Dieses Verhalten hat nun eine reflektierte Eigen- ständigkeit entwickelt, die überhaupt erst zu dem Begriff »Konsumverhalten« geführt hat. In einer letzten Konsequenz müsste dies – wären unsere Kinder intellektuell schon so weit – zu einer neuen Kategorie in den Souvenir-Büchern à la »Meine Freunde aus der Schulzeit« führen: Mein Lieblings- konsum. Zumindest dann, wenn man Kategorien wie Meine-Hobbys, Mein-Lieblingsessen, Mein-Lieb- lingsgetränk, Mein-Lieblingsbuch eine Essenzialität unterstellt, die beim Lieblingskonsum nicht gege- ben ist. Aber wofür steht dann der Lieblingskon- sum, wenn die bereits genannten anderen Katego- rien vieles Wichtige im Zusammenhang mit dem Konsum vergeben scheinen lassen? Antwort: es ist die Disponiertheit, das heißt die grundsätzliche Be- reitschaft, etwas Überflüssiges zu konsumieren – das nicht nötig ist, aber aufgrund von Werbung als vermeintlich essenzieller Genuss erscheint, der
allerdings in Wahrheit nicht die geringste Notwen- digkeit in sich birgt. — Die Disziplin, dieses mit einem wachen Scharfsinn zu erkennen und Nein da- zu zu sagen, ist die stärkste Disziplin unserer Zeit.

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

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