Die Dekadenz | Kapitelübersicht
Die Dekadenz ist eine Überheblichkeit, die sich keine Gruppe erlauben kann, ohne in ihren eigenen Untergang zu steuern. Sie äußert sich in Drogen- und Konsumsucht. Konsumiert werden neben Speis und Trank auch Menschen.

Die Dekadenz ist nicht den Reichen vorbehalten. Es ist nicht nötig, Lachs-Canapés mit Champagner zu kombinieren. Whiskey-Cola mit Erdnussflips sind ebenfalls dekadent, um ein prägnantes, wenn auch eindimensionales Beispiel zu bringen. Das hängt mit dem Ursprung des Begriffs »Dekadenz« zusammen ...

Die »Dekade« – gemeint ist damit schlicht: ein Jahrzehnt – steckt in dem Wort Dekadenz. Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts – nicht nur des 19. Jahrhunderts – war von der Vorstellung geprägt, dass bei Anbruch des folgenden Jahr-
hunderts die Welt untergehen würde. Den meisten von uns dürfte diese Ansicht von der Zeit vor der Jahrtausendwende bekannt vorkommen. Und so haben dann diejenigen, die es sich leisten konnten, noch mal richtig die Sau herausgelassen. — Und das ist es, was Dekadenz eigentlich meint: Das achtlose Stillen von neurotischen Bedürfnissen, deren Ursprung in Misshandlungen der Seele liegen.

Ein bisschen starker Tobak. Historiker werden vielleicht Einwände haben und einiges richtig
stellen wollen. Aber die Quintessenz des voran-
gegangenen Gedankengangs ist, dass wir nach-
vollziehen können, was gemeint ist. Auch wir
haben Zukunftsängste, Sicherheitsbedürfnisse
und Existenznöte. Doch zwischen Hochglanz-
werbung und Kriegsberichterstattung in eine Angststarre verfallen, haben wir unsere eigene Strategie entwickelt: Ablenkung. Diese Ablen-
kung aber führt leider oft zu einem Verhalten,
das dekadent genannt werden kann. Und zwar
nicht, weil dekadentes Verhalten streng definiert wäre und dieses Verhalten eben das ist, das aus Ablenkung resultiert. Dekadent ist nicht das Verhalten selbst – denn das kann viele Gesichter haben. Dekadent ist nicht das Verhalten selbst, sondern die Haltung, die wir aufzeigen, wenn wir uns verhalten. Haltung und Verhalten – es gibt
eine große inhaltliche Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Begriffen. Eine Haltung nehmen wir im
Kopf zu etwas ein. Eine Haltung entspricht min-
destens einem Teil unseres Charakters.

In unserem Verhalten äußert sich eine Haltung.
Mit einem bestimmten Verhalten reagieren wir auf etwas Bestimmtes. Und diese Aktion ist dekadent, wenn sie nicht dem natürlichen Sinn für Angemes-
senheit entspricht. Dekadent ist, was als Antwort auf ein Problem gegeben wird, das aber nicht der innewohnenden Frage des Problems gerecht wird. Der Frage, die Sie sich stellen würden, wenn Sie ganz allein und auf sich gestellt wären.

Aber wie kommen wir da heraus? — Dafür gibt
es nur eine einzige Antwort: Wir müssen unser Leben in die Hand nehmen, wir müssen damit anfangen, unsere eigene Welt zu schaffen. Eine Welt, in der wir gerne leben. Das heißt vor allem, dass wir die Welt nach unseren Vorstellungen mitgestalten, zusammen mit allen anderen. Und
das heißt, dass es ein Ende haben muss, dass wir es anderen überlassen, die Welt zu gestalten, die uns allen gehört. Und das heißt auch, dass wir politisch werden müssen. Denn der Ursprung aller Politik
ist die Gestaltung der Welt gewesen. Und darauf müssen wir uns wieder besinnen. — Joseph Beuys, einer der einflussreichsten deutschen Künstler, sagte einmal, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Er meinte damit, dass jeder Mensch, der lebt und sein Überleben zu sichern versucht, bereits ein Künstler ist, wenn ihm das Überleben gelingt. Er hat nicht vom Überleben gesprochen. Ich schreibe trotzdem »Überleben«, um den existenziellen As-
pekt dieser Kunst zu unterstreichen. Tatsächlich ging es Beuys um weit mehr als nur um das blanke Überleben. Ihm ging es um die Gestaltung des Le-
bens, um eine gute Gestaltung. Und um eine Mit-
gestaltung der Gesellschaft. Sein Gedanke der Sozialen Plastik meint, dass wir – die wir gemein-
sam die Gesellschaft bilden – sie nicht nur nume-
risch bilden sollten, sondern inhaltlich. Indem wir sie mitgestalten.

Mr. Keating (»Der Club der toten Dichter«) würde an dieser Stelle gespannt fragen: »Was wird wohl euer Vers sein?«

Soziale Plastik ist gleichsam basisdemokratische Politik. Wenn Sie zu den Politikverdrossenen gehören, die sich schon beim Wort »Politik« an- gewidert abwenden, dann liegt das vor allem an
den Fakten, die zu dieser Politikverdrossenheit geführt haben. Tatsache ist aber wahrscheinlich auch, dass Ihre Politikverdrossenheit daher rührt, dass Sie die Gängelung von der Politik nicht mehr ertragen, die andere für Sie machen. Deshalb
meine ich ja auch, dass SIE endlich damit anfan-
gen sollten, für sich selbst Politik zu machen. Für sich selbst, für Ihre Familie, für Ihre Freunde und für Ihre Nachkommen – und wenn Sie diesen Rei-
gen weiterdenken, heißt das: für alle. Demokratisch. Kreativ. Lösungsbezogen.

»Es gibt viel zu tun ... «, sagt Britta in dem Film »Liegen Lernen«. Die spätere Britta hat sich zwar weltanschaulich zum Negativen entwickelt. Das Eine ist ihr jedoch gelungen: ein klarer Absprung von ihrem vormaligen Leben. Leider muss man hinzufügen, dass sie die Qualitäten ihres Charak- ters offenbar auch zurückgelassen hat. — Das empfehle ich nicht. Qualitäten sollte man nicht aufgeben. Das ist nicht notwendig. Man sollte nur negative Verhaltensweisen aufgeben. Denn solche Verhaltensweisen bedecken Sie mit einer Maske, die zu andauernden Missverständnissen führt.

Wenn Sie nun Lust bekommen haben auf die beschriebene Politik und diese Lust noch poten-
zieren wollen, empfehle ich Ihnen zweierlei:
Erstens (falls noch nicht geschehen) die Sichtung des Films »Animal Farm« und zweitens die Beteiligung an der 2020 zu gründenden (und bis dahin auf sinngabe.org vorzubereitenden) Partei desip.

 

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

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