Die Angemessenheit | Kapitelübersicht
Ob etwas angemessen ist oder nicht, entscheidet in gesellschaftlichen Kontexten die Etikette: ein angemessenes Benehmen ist in vielen sozialen Angelegenheiten festgelegt. Zum Beispiel gibt man sich bei einer höflichen Begrüßung die Hand. Dieses Verhalten ist angemessen.

Wir wollen diese Erscheinungsform der Angemes- senheit jetzt aber verlassen. Was uns interessiert ist eine tiefgründige Angemessenheit. Dazu ist es wichtig, sich über den viel benutzten Begriff der Angemessenheit Gedanken zu machen. Wenn etwas angemessen ist, bedeutet es doch eigentlich, dass ein Objekt betrachtet wurde, dem etwas bündig hinzugefügt werden soll. Nach eingehender Betrachtung wird nun an dem Objekt Maß ge- nommen. Das Objekt selbst ist statisch festgelegt und kann seine Größe nicht ändern oder wird zumindest für den Akt des Anmessens seine Größe nicht ändern. Nachdem wir nun also Maß genom- men haben, können wir das, was wir dem Objekt bündig hinzufügen wollen, in der Größe anpassen und dem Objekt bündig hinzufügen. Nun ist das Unsrige, was wir jetzt hinzugefügt haben, dem Ob- jekt angemessen.

Die vorangegangene Analyse des Anmessens lässt deutlich werden, dass die uns bisher bisweilen quälende Frage nach der richtigen Angemessenheit eigentlich überflüssig ist. Denn was in der Theorie noch funktioniert, nämlich die Anpassung des Maßes an das Objekt – ist in der Praxis meistens unmöglich. Weil wir nämlich das Objekt nicht aus- messen können, aus Zeitgründen zumeist. Wir müssen uns also daher auf unser intuitives Gefühl verlassen, das uns eine ungefähre Schätzung erlaubt. Das Problem hierbei ist nur, dass viele Menschen durch falsche Erziehung in ihrem Gefühl für die richtige Angemessenheit so verunsichert wurden, dass sie sich schon alleine vor der Schätz- ung scheuen und anstatt ungefähr angemessen zu agieren und zu reagieren überhaupt nicht mehr agieren und reagieren. Dies ist schlussendlich nicht nur fatal für das Gefühlsleben sondern nebenbei auch sehr bequem für die Politik, die sich nun mehr um die Ausübung von Macht als um die Erfüllung ihres Auftrages kümmern kann. Denn wo kein Kläger ist, ist auch kein Beklagter.

Aber es ist nicht nur bequem für die Politik sondern auch profitabel für die Konsumgüterindustrie. Denn der Mensch lebte in der Evolution von Aktion und Reaktion. Es liegt in ihm also das fest verankerte Bedürfnis zu agieren. Doch durch eine repressive Erziehung – wenn nicht elterlich, dann oft schulisch – wird das Abwarten gefördert und die Aktion be- straft. Man darf nur noch reagieren — auf Reak- tionsangebote. Nichts anderes aber macht die Wer- bung: sie schafft Reaktionsangebote mit einem mehr oder weniger versteckten Versprechen … Besonders gute Werbung ist solche, die das ver- spricht, was den Menschen durch unterlassene Aktion mutmaßlich entgeht. Dabei sind die Muster- themen der Werbung sehr einfach: (Familien-) Glück, Imponierinstrumente (abstrakte und kon- krete) und Freiheit in all ihren Ausformungen. — Und wenn man es bedenkt: Mehr braucht der Mensch auch gar nicht; zumindest nicht, wenn die Voraussetzungen dazu bereits gegeben sind … Doch diese Voraussetzungen sind meistens nicht gegeben …

»Und die Angst die Du fühlst
_ist das Geld das Dir fehlt
_für den Preis den Du zahlst
_für etwas, das für Dich zählt
_und Dich sicher sein läßt,
_daß Du da (wo du hingehörst) bist.
_Ware Kunst ist ein Produkt der Phantasie _(…)«

Zitat aus »Sing Sing«, BLUMFELD:

Audio-CD, 1994, Label: BigCat.

 

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