Der Zynismus | Kapitelübersicht
Wenn die Angst die Geißel der Menschheit ist, so ist der Zynismus die Rasierklinge. Der Zynismus rasiert alles weg, das sprießt und anfängt zu wach- sen. Der Zynismus rasiert alles weg, das ehrliche Fragen stellt, deren Antworten revolutionäre Wahr- heit enthalten könnten. Der Zynismus rasiert alles weg, das positiv gemeint ist.

Das Dumme am Zynismus ist sein beißender
Spott, seine vermeintliche Welterfahrenheit und Erfahrung. Der Zynismus wurde von einer Über- macht gezeugt. Er ist ein Zeichen von vergangener Schwäche und von vermeintlicher gegenwärtiger Erstarkung. Tatsächlich aber ist die vergangene Schwäche zu einer großen Dummheit gewachsen. Denn der Zynismus hat zwei Folgen: Für den Zyni- ker selbst sind es selbst auferlegte Scheuklappen, die ihn vor einer neuen schmerzhaften Erfahrung einer Übermacht schützen sollen: „Gehe ich nur immer geradeaus, werde ich nicht vom Weg abkom- men. Auch auf dem Weg liegen manchmal Steine, aber erst neben ihm öffnen sich die Abgründe … Und in diese Abgründe will ich nicht noch einmal fallen.“
Für das Opfer eines Zynikers gibt es auch ei-
ne Folge: Das Opfer wird verstört, verletzt und irri- tiert. Es wird glatt rasiert. Das hoffnungsvoll kei- mende Leben, das evolutionäre Chaos erfahren ei- nen plättenden Schlag.

Eine Facette fehlt aber noch. Denn bei den her- kömmlichen Täter-/Opferanalysen gibt es auch den Gedanken, dass der Täter auch einmal Opfer war. Das mag dahingestellt sein. Der Zyniker war aller- dings nicht nur irgendwann Opfer sondern bleibt es. Ein Opfer seiner Beschränkungen.

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

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