Der Untermensch | Kapitelübersicht
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass wir diesen Begriff denjenigen verdanken, die die wahren Untermenschen sind. Was allerdings keine Ironie des Schicksals ist, sondern nur einer perversen Form von Reue entspringt, ist die Tatsache, dass wir eher tolerant gegenüber Intoleranten sind als sie deutlich mit dem Begriff zu benennen, der am besten auf sie zutrifft: sie sind Untermenschen.

Was würde es uns aber nützen, wenn wir endlich diesen Schritt täten und diese Degenerierten endlich so ansehen würden wie Untermenschen? Die Antwort: es würde uns viel nützen. — Und
was ebenso wichtig ist: es würde den Untermen- schen nützen. Denn nur, weil wir keine Unter- menschen sind, heißt dass nicht, dass wir uns (im Falle einer Anerkennung der Tatsache, dass es Untermenschen gibt) unmenschlich gegenüber Untermenschen verhalten würden oder gar sollten. Letzteres hat uns eine vergangene Generation vorgemacht und in ihre Fußstapfen wollen wir nicht treten. (Erst recht nicht, weil die vergangene Ge- neration den Begriff auch anders definierte.) Was wir als verantwortungsvolle Menschen stattdessen tun müssten, wäre uns der Untermenschen anzu- nehmen, uns ihnen zuzuwenden, uns um sie zu küm- mern, um diesen Degenerierten wieder auf einen grünen Zweig zu verhelfen. Denn die Ab- und Aus- grenzung, die diese Menschen betreiben, sind Folge eines gekränkten Rückzugs. Diese Menschen le- ben mit der Neurose, dass ihre gefühlte Abgeschie- denheit von nicht unwichtigen Teilen der Gesell- schaft eine Folge von (vermeintlicher) Verschieden- heit ist. Also ist alles von ihnen Verschiedene ver- antwortlich für ihre Abgeschiedenheit, die sie zwar einerseits glorifizieren, andererseits aber nicht wirklich wollen. Dabei ist die nähere Kennzeich- nung als Degenerierter nicht in dem beleidigenden Sinne gemeint, als der er vermeintlich zunächst erscheint. Vielmehr ist dieser Begriff wörtlich zu verstehen: Wenn generieren so viel wie entstehen, entwickeln, wachsen bedeutet, und degeneriert das Gegenteil beziehungsweise die gegenteilige Rich- tung meint, dann wird klar: Vergehen, zurückent- wickeln oder schrumpfen sind eher bedauerliche Vorkommnisse, keine Beleidigung. Bis auf zurück- entwickeln vielleicht, denn eine extreme Form des Konservatismus wird in der Zurückentwicklung vielleicht etwas Positives sehen wollen.

Der Mensch – auch der Untermensch – ist ein soziales Wesen, das seine Bestimmung in der Teilnahme und im Aufgehen in der Gesellschaft finden muss. Ich schreibe »muss« nicht, weil ich es so meine, sondern im Sinne einer conditio sine qua non, also einer Bedingung, die nicht zu umgehen ist sondern unbedingt erfüllt sein muss. In diesem Fall ist es die Natur des Menschen, die diese Bedingung fordert. Wir kommen nicht darum herum. Und des- halb kommen wir Menschen auch nicht darum her- um, verantwortlich zu handeln und diese Untermen- schen ins Boot zu holen. Denn wenn wir diesen Versuch nicht ständig wiederholend unternehmen, werden sie aus einer tiefen Kränkung heraus Rache nehmen und unser aller (und also auch ihr eigenes) Boot torpedieren. Zum letzteren Gedanken muss man sich beinahe wünschen, es gelänge ihnen auf einen Streich. Denn eine an- und fortdauernde Gue- rilla-Taktik erscheint wie ein nie endendes Fege- feuer, vergleiche hierzu

 

Zum Anfang | Kapitelübersicht

Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

Alle Texte können in Auszügen nach dem Zitatrecht verwendet werden.
Bitte als Quellenangabe die entsprechende Adresszeile im Browser verwenden.