Der konditionierte Spiegel Gottes | Kapitelübersicht
Wir müssen uns spätestens jetzt – in einer säkularisierten Welt – fragen, warum Sexualität außerhalb und vor der Ehe als eine Sünde gilt, warum wir auch die andere Wange hinhalten sollen und warum die Gleichstellung von Altem und Neuem Testament zu inter- und intra-seelischen Konflikten führen muss. Inter-seelisch meint: zwischen den Seelen; und intra-seelisch meint innerhalb einer Seele. Es ist wie mit der widersprüchlich konditionierten Henne: ||: Soll ich nun das Korn aufpicken? Soll ich nicht? :||

Jahrhunderte liefen wir so herum. Und dann kam der Glück spendende Konsum – die Rettung ward geboren. Denn der Konsum steht außerhalb der Religion und ist ein willkommenes Ersatzmittel für unsere Selbsterkenntnis.

Wir sollten uns darüber klar werden, dass die Religion und jeder Gott etwas ist, das unseren eigenen Teil des göttlichen Bewusstseins spiegelt. Wir sind untereinander genauso vernetzt wie mit demjenigen Etwas, das für Raum und Materie verantwortlich ist. Doch anstatt selbst Teil der Flut zu sein haben wir nur gelernt uns durchfluten zu lassen und das dabei entstehende Gefühl auf Gott zurückzuführen. Das Gefühl wird gespiegelt, wie ein Lichtstrahl reflektiert. Und damit abgeführt von uns. Dies wird durch die Religion konditioniert, in dem sie versucht, die unreflektierte Durchflutung nur dann stattfinden zu lassen, wenn religiöse Zusammenkünfte stattfinden.

Dies führt zu einer Verarmung und Verrohung des Alltags einerseits (die mit Konsum heutzutage teilweise, aber letztlich nur schadhaft übertüncht werden), und andererseits zu einer Abhängigkeit von den religiösen Zusammenkünften. In einer Welt ohne Religion muss deshalb zwangsläufig diese Abhängigkeit übergehen in eine Abhängigkeit vom Konsum. Wenn die Möglichkeit zum Konsum ausbleibt, treten Verarmung und Verrohung zutage.

Welche Alternative gibt es überhaupt aus diesem Dilemma?

Wir denken, es gibt eine Antwort: denn der künstlerische Blick erlaubt eine Öffnung der Kanäle außerhalb der Religion! — Der wesentlichste Teil der Religion – der Respekt vor der Schöpfung – kann durch ästhetische Perspektiven voll ersetzt werden.

Denn wenn zum Beispiel das Alte Testament Auge um Auge, Zahn um Zahn fordert, das Neue Testament aber auch die andere Wange von dem Geschlagenen verlangt, wenn dieser auf die eine bereits geschlagen wurde, wird aus ästhetischer Sicht klar: Ich kann in dieser Welt von jemandem, der meine Sandburg zerstört, nicht erwarten, dass er sie aus gutem Grund zerstört hat. Er hatte entweder keinen oder einen bösen Grund. Grundlos etwas von anderen Erschaffenes zu zerstören ist übrigens auch bereits böse.

Wenn ich also will, dass der Zerstörer lernt, wie weh mir die Zerstörung meiner Burg tut, muss ich entweder (falls vorhanden) seine Burg zerstören oder ihn mit der Härte schlagen, die meinem Schmerz einen vergleichbaren Schmerz entgegensetzt.

Das mag hart klingen, aber das Wangengesetz entspricht einer göttlichen Weisheit und ist für einen göttlichen Ort gedacht. Während das Augengesetz einer irdischen Weisheit entspringt und deshalb für nicht-göttliche Orte gilt.

Ein Ort wie der Strand, an dem eine Burg gebaut wurde, ist ein schöpferischer Ort und deshalb ein göttlicher. Derselbe Ort kann aber schlagartig zu einem irdischen Ort werden, wenn jemand die Burg zerstört. Zerstörung kann man nämlich nur an irdischen, nicht aber an göttlichen Orten finden.

Wie wir sehen, erlaubt der ästhetische Blick Urteile darüber, ob man sich an einem irdischen oder göttlichen Ort aufhält. Damit kommt dem ästhetischen Blick auch eine religiöse Fähigkeit zu. Man könnte (und sollte eigentlich auch) es umgekehrt ausdrücken: Die Religionen haben sich die Ästhetik zunutze gemacht, um ihre eigenen Ideen zu verdeutlichen. Dieses Verfahren war aus unserer Sicht solange zulässig, wie die Religionsästhetik einen Eigenwert zugeschrieben bekam. In dem Moment, als diese Ästhetik zum bloßen Symbol wurde, also die Schönheit nur noch für das Göttliche und nicht mehr auch für das Irdische stand, war die Zeit der irdischen Weisheit angebrochen. Denn aus der magischen Mischung aus religiös-geistiger und irdisch-materieller Gebundenheit an das Sein ergab sich nun die Spaltung des Seins.

So kann der religiöse Mensch von Heute das schöne Irdische zwar noch als Gottes Schöpfung betrachten. Aber den zürnenden Gott des Alten Testaments kann er nicht mehr in der Welt wiederfinden, Dieser würde sich über das zerstörerische Treiben der Menschen so ärgern, dass er Plagen über das Land schicken würde. Und Plagen kann man ja nirgendwo auf der Erde entdecken. Weil der Mensch diese Plagen nicht (an-)erkennt. Weil er nicht mehr an Gott glaubt. Deshalb ist es in der heutigen naturwissenschaftlich geprägten Zeit auch besser, nicht von Gott sondern von einer Formel zu sprechen: gerät die Formel ins Wanken, gerät alles aus den Fugen.

Demzufolge kann nur noch der Gott des Neuen Testaments seine stille Schattenregentschaft in der Altersreligiosität führen. Und bei all der Zerstörung auf der Welt ziehen sich die übrigen Versprengten immer mehr zurück oder geben ihre Religion ganz auf.

Denn der konditionierte Spiegel Gottes, der früher einmal half die eigene Flut wenigstens entfernt zu spüren – er ist verschwunden. Und da der religiöse Mensch nie gelernt hat, seine Schleusen selbst zu öffnen, den Lichtstrahl der Formel unreflektiert in die Mitte seines Herzens treffen zu lassen, kann tatsächlich nur noch die Kunst (mit ihrer Gebrauchsanweisung zu eigenen Schöpfungen) es erreichen, die Formel oder auch das Göttliche neu zu spüren. Das Göttliche, das in einem selbst verborgen ist und das mit jedem neuen Schöpfungsakt in Erscheinung tritt.

Das eigentlich Göttliche repräsentiert die Schöpfung selbst. Und jeder Schöpfende ist im und für den Augenblick des Schöpfens selbst göttlich. Dabei ist der Begriff aber frei von seinen kirchlichen Definitionen und auch frei von Exklusivität oder Absolutheit gemeint. Wir alle haben das Bewusstsein von potenziellen Schöpfern. Zum Beispiel können wir Nachkommen erschaffen. Ein Schöpfungsakt. Oder wir können uns selbst erschaffen. Ein Schöpfungsakt. — Bleibt noch die Frage, warum Gott uns eigentlich geschaffen hat, wenn er doch gar keinen Einfluss nimmt an unserer Entwicklung …

Wenn es tatsächlich einen Gott gibt und dieser tatsächlich alles geschaffen hat, dann müssten wir seine armseligsten Geschöpfe sein. Schließlich behandeln wir uns gegenseitig sehr schlecht.

Anderseits, und das wäre auch gleichzeitig unsere Hypothese, haben wir einfach das falsche Rezept für uns in die Hand gedrückt bekommen. Wir glauben, wir haben ein eigenständiges Bewusstsein, doch wissen wir alles über die Welt nur von anderen. Gleichwohl wissen wir auch, dass unser Wissen unvollständig ist und dass es uns reicht, was wir über uns (und unsere Freunde/Familie) selbst wissen. Trotzdem sind wir unglücklich, wenn wir in den Nachrichten das Leid sehen und hören.

Sollte uns das nicht etwas klar machen?

Sollte uns das nicht klar machen, dass – genauso, wie wir uns ohne Partner unvollständig fühlen – wir alle miteinander zusammenhängen? Wenn wir alle Kontakte, die wir untereinander haben, auf der Weltkarte aufzeichnen würden, würde es ein weltumspannendes Netz ergeben. Unser Bewusstsein ist vom Partner, von der Familie und von Freunden abhängig. Die wiederum haben noch ein paar andere Freunde. Die wiederum haben andere Freunde.

Und so, wie etwas in uns stirbt, wenn ein Partner, Freund oder Familienmitglied stirbt, so sterben gerade in diesem Augenblick viele in uns, die uns persönlich unbekannt sind, mit denen wir über das weltübergreifende Netz aber verbunden sind. Wir erzeugen alle zusammen ein großes einzigartiges Bewusstsein – wir wissen das nur nicht.

Wenn ein Finger in den Himmel zeigt, schaut nur ein Dummer auf den Finger. Die Religionen, so wichtig sie auch für die jeweils Gläubigen sind, machen nichts anderes, als mit dem Finger in den Himmel zu zeigen. Hat sich aber auch nur ein Einziger jemals ernsthaft die Frage gestellt, warum wir alle glauben müssen und nicht wissen dürfen?

Dafür kann es in diesem Kapitel nur eine einzige, quasi Titelantwort geben: Wir sind Teil eines (nennen wir es ruhig: formelartigen oder göttlichen) Systems. Wir stehen nicht außerhalb sondern innerhalb Gottes und wenn wir immer nach draußen schauen ist es nur logisch, dass wir weder Gott sehen noch uns als ein Teil von ihm und/oder (s)einer Formel erkennen (und durch die Erkenntnis göttlich und/oder formelgemäß handeln). Wir müssen den Spiegel Gottes, den wir bislang als eine Art Käscher vor uns hergetragen haben, umdrehen und hineinschauen.

Dieses Umdrehen geschieht vor jedem schöpferischen Akt. Das Hineinschauen manifestiert sich in dem Gefühl, dass wir beim Schöpfen haben. Und die Erkenntnis, dass wir Teil eines zusammenhängenden Systems sind, äußert sich in dem Verlangen, das Gefühl des Schöpfens mit anderen zu teilen …

Schlussbemerkung:

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Wenn eine Institution es schafft, durch eine Erziehung von klein auf die Menschen im Hinblick auf das Menschlichste überhaupt, nämlich Sexualität, zu pervertieren, dann geschieht Folgendes: der erwachsene Mensch, der mit diesen Krücken läuft, wird die Macht, mit der diese Institution ihm diese Krücken angelegt hat, als eine Übermacht empfinden. Und zwar desto mehr, je freier er sich im Übrigen verhalten kann. Da sich kein vernünftiger Mensch damit abfindet, wird er die übrige Lehre dieser Institution studieren um Fehler zu entdecken. Findet er Fehler, so kann die Übermacht geknackt werden. Doch er findet keine Fehler, weil die Lehre ihre eigenen Gesetze hat. Verglichen mit den naturwissenschaftlichen Gesetzen sind sie zwar falsch. Aber dies basiert auf einer internen Wahrheit, die geglaubt werden muss. Diese interne Wahrheit aber funktioniert auch nur intern. In dem andauernden Versuch, sie auf unsere Welt zu übertragen, schleift sie sich langsam ab. Und zwar aufgrund eines tragischerweise überaus simplen Fehlers: Das Göttliche kann nicht auf das Irdische übertragen werden. Nur wer das Göttliche im Irdischen erkennt, weiß, dass es nichts zu übertragen gibt. Wer allem Irdischen und allen Menschen (egal welcher Religion) wie etwas Göttlichem begegnet, wird seinen inneren Frieden finden. Denn er wird, wenn er Menschen auf diese Weise begegnet, das gepeinigte Kind in ihnen sehen. Diese Perspektive allein löst nicht die Probleme der Gegenwart, aber sie macht klar, welche Politik eingeführt werden müsste, um Terror und Gewalt in Zukunft auszumerzen:

Eine Politik des Kindes …

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2010

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