Das Rauchen | Kapitelübersicht
In Zeiten des Bedürfnisses, bundesweit einheitliche Bestimmungen zum Thema Rauchverbot zu haben, wird das eigentliche Problem – das Rauchen – in abstrahierende Höhen verfrachtet. Wir reden nicht über das Rauchen sondern über Einheit im Rau-
chen. Diese Debatte ist wieder einmal ein schlauer Schachzug der Politik. Es ist doch eigentlich jedem klar, dass die Tabaklobby und die Politik selbst
ein starkes Interesse daran haben, dass weiterge- raucht wird. Dabei müssten wir uns ganz neben-
bei fragen, ob eine Gesundheitsreform überhaupt nötig gewesen wäre, wenn es keinen Tabak geben würde. Wenn wir dann noch auf den Alkohol ver- zichten würden, könnten die Beiträge vielleicht sogar gesenkt werden. Das sollte ein kluger Kopf mal ausrechnen.

Rauchen hat vier Hauptgründe: Rebellion gegen die Eltern und andere Erwachsene, erwachsen
sein wollen, Gruppenzwang und Werbung. Da diese vier Gründe extrem stark sind und drei davon vom Beobachtungslernen, der leichtesten Lernform, geprägt sind, könnte nur ein generelles Rauchver- bot dieses Beobachtungslernen eindämmen. Denn Städte – als unnatürliche Lebensräume – können bei all ihrem Glitzern und all ihrer Verdichtung von Menschenvorkommen unterbewusst nicht über ihre Unnatürlichkeit hinwegtäuschen. Wie sich Men- schen in Städten bewegen, was sie tun und wie sie es tun, unterliegt immer der Beobachtung derer,
die sich dort unwohl fühlen und trotzdem dort leben müssen. Und da Rauchen immer mit einem be-
stimmten positiven oder zumindest »lustigen« oder zu schlechter Letzt wenigstens stabilisierenden Lebensgefühl verbunden wird, das die Tabakmar- kenwerbung vermittelt, werden Raucher in der Öffentlichkeit als positive, lustige und/oder stabile Menschen wahrgenommen. — Das wollen WIR auch sein! Und es gibt eine Lösung dafür: wir müssen einfach mit dem Rauchen anfangen! — Danach gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder betrügen wir uns selbst und glauben weiter an die Werbebotschaft, oder wir stellen fest, dass die Werbebotschaft nicht funktioniert. Es spielt aber fast keine Rolle, denn nun sind wir süchtig und werden für Nichtraucher eine Gelegenheit sein, nach der Beobachtung zu lernen.

Das Rauchen ist letztendlich – wie alle übrigen Suchtmittel auch – eine Verlagerung der eigenen Glücksquelle nach außen. Zwar verspüren wir Befriedigung, doch ist sie davon abhängig, ob wir in der Außenwelt an den Stoff gelangen, der uns die Befriedigung gibt. Diese Abhängigkeit von der Außenwelt erscheint uns aber viel angenehmer oder zumindest einfacher, als die anstrengende und schwierige Suche nach innerem Glück. Jene Suche ist deshalb so anstrengend und schwierig, weil nur die musischen, also künstlerischen Disziplinen oder die Beziehung zu anderen Menschen glückliche Funde bieten würden. Doch die musischen Fächer lehnen sich viel zu stark an die Medien an, welche nur leicht verständliche Produkte akzeptieren. In diesem Bereich konfektionierter Ware kann das eigene Glück nicht gefunden werden. Eine eigene Identität kann nur dort gewonnen werden, wo
ich ein Geheimnis erzeuge – das deshalb schön und wertvoll ist. Ein Geheimnis, das per definitionem nur von mir oder Eingeweihten verstanden wird. Das scheinbar Unverständliche wird für diesen Kreis zur Offenbarung: Eine Dissonanz in der Mu- sik, eine Ironie in der Literatur, eine Form oder eine Farbe in der Bildenden Kunst.

Die Suchtmittel schränken unsere Zeiträume stark ein, in denen wir Glück und Befriedigung durch unser Inneres schöpfen können. Durch eine musi- sche Leistung. Durch Reflexion und Kontemplation. Durch Durchdenken. Durch Meditation und durch das Verspüren des eigenen Lebens. Durch die Gemeinschaft. Und am besten: durch die Liebe.

Zum Anfang | Kapitelübersicht

Sinngabe.de © Daniel Torrado Hermo 2005–2017

Alle Texte können in Auszügen nach dem Zitatrecht verwendet werden.
Bitte als Quellenangabe die entsprechende Adresszeile im Browser verwenden.