Das Himmelreich | Kapitelübersicht
Gemeinhin stellen wir uns das Himmelreich als etwas vor, das vor allem aus zwei Komponenten besteht: Gemeinschaft und ewiges Leben. Dass diese Vorstellung auf einer Metabasis beruht, das heißt auf einen Gedankengang, der eine Lücke enthält, die wir einfach überspringen, sorgt die Einen und kümmert nicht die Anderen. Denn der Glaube besetzt jene Lücke in der Hoffnung, dass er jene Lücke schließen kann.

Nun hat der Glaube an das Himmelreich aber nicht nur diese eine Funktion, nämlich dass wir ewiges Leben erhalten. Zusammen mit dieser Hauptfunktion gibt es auch gleichzeitig mehrere Unterfunktionen – und zwar in der übertragenen wie auch in der wörtlichen Bedeutung:

  • Der Glaube daran, dass das Leben nur eine Zwischenstation sei.
  • Der Glaube daran, dass es einen übergeordneten Gott gebe, der die Verantwortung für alles trage, in dem Sinne, dass er durch die Schöpfung alles verursacht habe. Das heißt auch, dass sein Schweigen verantwortungslos erscheint und es deshalb bei einigen zu einem Vertrauensbruch kommt.
  • Der Glaube daran, dass die Glaubensvermittler zweiseitig dazu legitimiert sind: einerseits wegen des Schweigens Gottes, denn sonst würde er erzürnen und die Glaubensvermittler blenden. Und andererseits, weil es sonst ja gar nicht möglich wäre zu erfahren, wie man in das Himmelreich gelangt.

Letztlich müssen wir leider feststellen, dass das Himmelreich auf Vorstellungen beruht, die die Menschen sich seit langem von ihm gemacht haben. Und die Angst vor dem finalen Tod hat die Menschen seit Urzeiten dazu getrieben, ehrerbietende Tempelstätten zu erbauen um so diese Vorstellung zu untermauern und zu bestärken.

Es gibt nun einen kleinen Trick, wie man als gemäßigter oder gar gefallener Gläubiger einen Schritt voran kommen kann in der Erkenntnis, was sein (ehemaliger) Gott sich von ihm wünscht. Dieser Trick basiert auf der Fähigkeit der eigenen Vorstellungskraft. Er funktioniert so:

Nehmen Sie sich den gemütlichsten Platz ihrer Wohnung oder den Sie sonst kennen, Ihren Lieblingsplatz. Setzen Sie sich gemütlich daneben oder gegenüber hin und stellen sich vor, Gott (oder bei den Christen auch Jesus) würde sich auf Ihrem Lieblingsplatz befinden.

Diese Vorstellung ist gar nicht so einfach zu erzeugen, weil sie so weit entfernt erscheint und weil sie Angst besetzt ist. Wir haben deshalb Angst davor, weil die Nähe, die wir auf diese Weise erzeugen, eine bislang unvorstellbare war. Und außerdem wissen wir, dass das, was jetzt kommen wird, sehr persönlich sein wird. Und zwar deshalb, weil wir instinktiv darum wissen, dass dieses fiktive Gespräch uns einen Spiegel vorhalten wird, und unsere Unzulänglichkeiten und Schwächen aufdecken wird und darüber hinaus darauf basieren wird, beide auszumerzen.

Wir sehen also: wir brauchen die Kirche eigentlich, weil sie einen Keil zwischen uns und unsere persönliche religiöse Wahrheit schiebt – indem sie unseren Dialog mit Gott transzendiert, das heißt auf eine Ebene trägt, die nichts mehr mit der weltlichen Realität außerhalb der religiösen Gemeinschaft zu tun hat. Einzig die Natur ist noch Anzeichen der allumfassenden Schöpfung, nur die Menschen, die sich in ihr aufhalten und sich nicht gottes- und schöpfungsfürchtig verhalten, sind missraten.

Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt, sie sollten Menschenfischer werden. Das geht heutzutage nicht mehr. Menschen lassen sich nicht mehr bekehren, wenn sie erst hartgekocht sind. Wenn wir nicht wollen, dass es missratene Menschen gibt, müssen wir uns auf die Kindheit und Jugend konzentrieren. Und ob es die Sexualität, die Autonomie des Individuums und dessen freie Entfaltung oder die Gemeinschaft der sich frei entfaltenden und aufeinander bezogenen Individuen mit rückkoppelnder Kraft und Stärke ist: man kann solche Zustände nicht „erfischen“ oder herbeiführen, sondern nur hinführen und zulassen. Wenn wir diesen Unterschied zwischen herbeiführen und hinführen verstanden haben, können wir endlich das werden, was den Beruf den Menschfischers ablösen soll: Menschengärtner.

Wenn wir es schaffen, aus unserer Existenz hier auf Erden ansatzweise das zu machen, was wir uns vom Himmel erhoffen, werden wir schon zu unseren irdischen Lebzeiten das haben, was wir auch eigentlich jetzt schon haben sollten.

Das WIR vielleicht nichts mehr davon haben werden, wenn wir die Phase des Gärtnerns einleiten, weil nämlich die Prozesse zu langsam verlaufen werden, ist nur dann kein Trugschluss, wenn wir unbewusst an KEIN Leben nach dem irdischen Tod glauben. Wenn wir aber an ein Himmelreich glauben, dass Plätze für diejenigen bereithält, die verantwortungsvoll gehandelt haben, werden wir diejenigen wiedersehen, die nach uns kommen und von unserem Gärtnern profitieren werden. Und für diese Menschen werden wir Helden sein.

Wenn wir an ein Leben nach dem Tod glauben, dann hoffen wir auch, dass wir dort nicht allein sein werden. Und wenn es dort so etwas wie Respekt gibt, sollte jedem von uns klar sein, dass dieser Respekt hier erworben wird. Hier bei uns. Hier von uns. Von denen die waren, von denen die sind, von denen, die kommen werden.

Wir glauben vielleicht, wir seien ein Kieselstein im Flussbett dieses Flusses.

Wir sind es nicht.

Woraus sollte dann der Fluss bestehen?

 

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