Das Heilige | Kapitelübersicht

transzendent: lat. transcendus ›hinüberschreitend‹, (...) 1. die Grenzen der Erfahrung überschreitend, 2. außerhalb der Grenzen der natürlichen, uns mittels der Sinne erkennbaren Welt liegend, 3. über den Bereich des menschl. Bewußtseins hinausgehend; (...)“ ¹

Der heilige Feldzug existiert nur in der Irrealität innerhalb der Realität. Das Transzendente des heiligen Feldzugs ist das Erlebnis, das den Feldzug heilig erscheinen lässt. Und das ihn existent er- scheinen lässt. Doch der Bewusstseinsstrom ist in diesem Fall trügerisch – wie so oft.

Das einzig Heilige kann nur die intern erlebte Heiligkeit sein: Die Liebe zu seinem Lebens- partner. Der ständige innere Kampf vieler Men- schen besteht zwischen dem unterbewussten Wissen um eben dieses Heilige der Liebe und dem Kampf mit den Dämonen der oktroyierten Heilig- keit von Menschen oder Göttern. Die Erfahrung der eigenen Fähigkeit zur Transzendenz durch die erlebte Transzendenz vollzieht sich zwar immer noch durch eigene transzendente Erfahrung. Doch leider haben Machtbestrebungen und Hoheits-
ansprüche von einzelnen Menschen oder Gruppen dazu geführt, dass diese Herrschsüchtigen den Missbrauch der Transzendenz übten. So wurde ein Medium (zunächst Menschen, später Druck-
erzeugnisse, Radio, Film, Fernsehen, Internet, Computerspiele und -simulationen) eingeführt, das die eigentliche Absicht, nämlich Macht und damit Ressourcen (Menschen, Land und Geld) zu erlangen, verschleiern soll. Der Missbrauch des Mediums liegt darin begründet, dass die künstliche Verkoppelung des (künstlichen) Mediums mit der natürlichen transzendenten Erfahrung nun diese natürliche Transzendenz pervertiert, indem die intendierte manipulative Gerichtetheit auf eine externe Heiligkeit (und sei es Robbie Williams) zu dem Trugschluss führt, die externe Heiligkeit sei für die Erfahrung der Transzendenz verantwortlich. Dies ist insofern pervers, als die eigentliche natürliche Transzendenz keiner externen Quelle bedarf, sondern nur die eigene Person oder den Lebenspartner – Intimität mit sich oder einem festen Partner ist unbedingte Voraussetzung für genuine, natürliche Transzendenz. — Während alle anderen, künstlich erschaffenen Quellen zu einer perversen Transzendenz führen. Diese durch Manipulation in den Kopf verlagerte Transzendenz führt oft zur Herabsetzung und Abwertung der ursprünglichen Bauchtranszendenz, die sich in der Liebe zu seinem Lebenspartner offenbart. Denn: da die Kopftranszendenz im Gegensatz zur Bauch-
transzendenz jederzeit zu erfahren ist, die Bauch-
transzendenz aber nur in der ortsgebundenen Einheit mit einem gut aufgelegten Lebenspartner möglich ist, gerinnt die Kopftranszendenz zu einem vermeintlich treueren, verlässlicheren Partner.

Die Kirchen haben bewusst oder unbewusst dazu beigetragen die Kopftranszendenz zu stärken. Denn je stärker die Kopftranszendenz sich in einem religiösen Kontext entwickelt, desto stärker gerät der natürliche Lebensmittelpunkt, die partner- schaftliche Liebe, aus den Augen.

Wenn nun einmal festgestellt werden muss, dass wir durchaus eine Vorstellung davon haben, was heilig bedeutet (denn wie sonst könnten wir bei Allem schwören, was uns heilig ist?), so ist doch genauso festzustellen, dass unsere Vorstellung davon nicht zu unserem Alltag passt, sondern eher zum Feier-
tag. Wenn es uns also gelänge, das Heilige in den Alltag zu integrieren, so wäre der Alltag kein Alltag mehr sondern Feiertag. Das hieße auch: das Gött-
liche, das wir mit dem Heiligen unbewusst verbin-
den, in den Alltag zu holen.
Wie aber kann dies funktionieren? Es ist ganz ein-
fach und die Erkenntnis ist auch nicht neu: Wir müssen das Göttliche in ALLEM erkennen. Das heißt aber nicht, dass die Atheisten ausgeschlossen sind oder dass das Göttliche auch böse ist, weil es zum Beispiel Krieg und Terror zulässt. Das Böse liegt als Potenzial in uns selbst, nicht bei Gott. Und wenn Gott zulässt, dass wir Böses tun, so liegt das Göttliche im Zulassen: er verbietet den einen nichts, den anderen spendet er keinen Trost. Die enorme Freiheit, die im göttlichen Zulassen liegt, ist Grundbedingung für Freiheit. Wir müssen uns nur
in Zukunft die Freiheit nehmen (nicht: nehmen lassen!), auf die Freiheit, alles zu tun, zu verzichten. Denn nicht alles, was die Freiheit erlaubt, ist gut. (Und erlebter, von einem anderen Menschen gespendeter Trost ist viel heilsamer als allein die reine Vorstellung davon, dass Gott mich tröstet. Das liegt aber vor allem daran, dass auch der Trost etwas Göttliches ist und sich Gott in dem Men-
schen, der Trost spendet, offenbart. Und für die, die nicht an Gott glauben, wird es das verbindlich gute Zwischenmenschliche sein, das sich für sie in einer heilsamen Interkonnektivität offenbart, welche übrigens die Schwester der Transzendenz ist.)

Das Göttliche steht bei Gläubigen für das Göttliche und für Gott, bei Nichtgläubigen steht es für das Geheimnis, dass niemand weiß, warum wir hier sind und überhaupt sind. Dieses Geheimnis durch seine respektvolle Anerkennung zu rühmen steht bei den Nichtgläubigen dafür, was für die Gläubigen das Erkennen des Göttlichen in allem bedeutet. Was die Gläubigen in der Betrachtung des konditionierten Spiegels Gottes erfahren, ist substanziell identisch mit dem, was die Nichtgläubigen im Dialog mit anderen oder im Monolog mit sich selbst erfahren:

Etwas, das möglicherweise ist,
ist möglicherweise das Etwas.

Da wir in unserer heutigen Welt auf Informationen, auf Daten, Fakten und Tatsachen sklavisch bauen müssen, dabei aber feststellen, dass diese Säulen unsere persönlichen Fragen nach dem Warum und dem Sinn des Lebens nicht im Geringsten klären, ist es nicht verwunderlich, dass sich Menschen dem religiösen Fanatismus zuwenden. Denn sie sehen durch diese Säulen aus Pappmaché hindurch und erkennen darunter das wackelige Gerüst. Dabei ist es gar nicht untauglich, das wackelige Gerüst. Solange es trägt, erfüllt es seine Funktion. Was aber viel entscheidender ist: WAS trägt es? Und hier wird es heikel. Denn es trägt vor allem die Auffassung, wir könnten mit kühler Ratio alles beherrschen und erforschen, mit Geld alles kaufen und mit Leidenschaft immer gewinnen. Wenn Sie einen kurzen Moment nachdenken, werden Sie diese These vielleicht ablehnen. Was passiert aber mit den vielen Menschen, die nichts beherrschen oder erforschen, die kein Geld haben und deren Leidenschaft erloschen ist? – Sie suchen nach Ersatz! Diesen Ersatz können Drogen, Freunde, Feinde oder Religion bilden. Sie suchen nach etwas, das das Leerausgehen verhindert. Etwas, das in der realen Welt existiert und das sie erreichen können. Worauf sie sich konzentrieren, dem sie sich hingeben können. Das für sie heilig werden kann. Nach dieser Möglichkeit suchen sie. Und während sie damit anfangen danach zu suchen, erwacht genau das in ihnen, was sie später dem Gefundenen zuschreiben werden, das jedoch in ihnen selbst liegt und, seitdem es geweckt wurde, wie wild und freudestrahlend dem Erwecker zuwinkt, auf das er sie endlich erkennen möge: die Leidenschaft.

„Etwas Gesuchte, das möglicherweise ist“, freut sich die Leidenschaft, „ist möglicherweise das gesuchte Etwas“, ergänzt das Heilige.

¹ Wörterbuch der philosophischen Begriffe, voll-
ständig neu herausgegeben von Arnim Regenbogen und Uwe Meyer. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1998. Seite 671.

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