Das Gute | Kapitelübersicht
»I feel that a part of your soul is
destroyed in taking another life. Yes,
that statement is very true – you
cannot kill someone without killing a part of yourself … « ¹
Soldat in »Fahrenheit 9/11«
Das Gute an sich zu definieren, und zwar global, scheint schwierig zu sein, weil wir von separaten Teilen der Menschheit ausgehen. Innerhalb dieser Teile mag es verschiedene Ansichten über das Gu- te an sich geben. Wenn wir trotzdem eine globale Definition von dem Guten an sich geben wollen, hilft ein kleines Gedankenspiel. Nehmen wir mal an, die Erde sei ein Mehrfamilienhaus auf einem großen Grundstück. Hinter den Grenzen des Grundstücks beginnt das Nichts. Das Grundstück bietet alles, was die Bewohner des Hauses benötigen und alle Bewohner haben verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgebildet, die zu einem komfortab- len Zusammenleben beitragen.

Was ist für die Zukunft jener Gemeinschaft gut,
was schlecht? Da alle verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen, erscheint es gut, wenn jeder Einzelne sein Wissen an die nächste Gene- ration weiter gibt, damit alle von dem Wissen wei- terhin profitieren können. Schlecht erscheint, wenn ein Einzelner stirbt, ohne vorher sein Wissen, das er von seinem Vorfahren gelehrt bekommen hat, weitergegeben haben zu können. Es bedarf also ei- ner gewissen Kontinuität des Lebenszyklus'.
Schlecht ist also auch, wenn der Lebenszyklus gestört wird, zum Beispiel durch einen Streit oder einen Totschlag oder einen Mord. Böse muss des- halb derjenige genannt werden, der einen Streit beginnt, der einen anderen totschlägt oder ermor- det. Denn er stört den Lebenszyklus, schwächt damit die gesamte Gruppe und sägt damit gleich- zeitig an dem Ast, auf dem er sitzt. Und damit hätten wir auch schon die Definition für »böse«: Böses ist Schlechtes, das von einem oder mehre- ren oder vielen Menschen ausgeht.

Der Mensch ist und bleibt ein Sozialwesen, und
er ist und bleibt nicht nur ein Sozialwesen innerhalb einer bestimmten Gesellschaft, sondern er ist und bleibt ein Sozialwesen der Menschheit. Ein depri- mierter Soldat in Michael Moores Film »Fahrenheit 9/11«: »Ich habe das Gefühl, dass ein Stück meiner Seele zerstört wird, wenn ich einen Menschen töte. Das ist absolut wahr. Mann kann niemanden töten, ohne ein Stück von sich selbst zu töten.« Dass im- mer dann, wenn man einen Menschen tötet, auch ein Teil in einem selbst stirbt – ist diese Ansicht so abwegig? Vergleiche hierzu:
Ein zweites Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor,
Sie wären der einzige Mensch auf dieser Welt. Und damit das Gedankenspiel noch unrealistischer wird: Nehmen wir an, dass wie von Geisterhand in allen Supermärkten weiterhin Lebensmittel existieren würden würden, alle Tankstellen einen unbegrenz- ten Vorrat an Benzin hätten, in allen Autos, Schif- fen, und Flugzeugen die Schlüssel stecken würden. Ihre Möglichkeiten sind unbegrenzt und nur durch Ihre Lebenszeit zeitlich begrenzt. Ach ja, und wie gesagt: Es gibt keinen einzigen weiteren Menschen. Wie lange werden Sie diesen Zustand als Abenteuer sehen und wann werden Sie sich aufhängen (verglei- che auch den Film »Quiet Earth – Das letzte Ex- periment«)?

Krieg, Hass und Gewalt sind ein alptraumähnlicher Zustand. Der menschliche Seelenzustand, der die- sen Alptraum am Leben hält, ist sehr sehr alt. Ei- gentlich ist er viel zu alt für den zivilisatorischen und technischen Fortschritt. Und er hat einen Pro- gramm bedingten Fehler: Solange der mit diesem Zustand besetzte Mensch sich in eben jener Si- tuation befindet, die überhaupt erst diesen Zustand ausgelöst hat, so lange wird dieser Zustand ver- stärkt, das heißt der Wille zu Krieg, Hass und Ge- walt wächst. In Urzeiten gab es eben noch keine
so logistisch ausgeklügelte, durchorganisierte Form des Krieges, des Hasses und der Gewalt. Es gab nur ein Gesetz: der Stärkere wird siegen. Und das in einem einzigen Kampf. Und nur wer kämpfte, konnte siegen. Wer nicht kämpfte, hatte bereits verloren. Denn es gab einige, die kämpfen wollten. Ein einziger Kampf, ein einziger Wille. Ein einzi-
ger Wille durchzuhalten, weiterzukämpfen bis zum Sieg. Nicht locker zu lassen, nicht einzuknicken. Weitermachen. Immer weiter und weiter. Und wenn es im Tod enden würde. Aber das sollte es nicht. Deshalb an alle Reserven gehen. Alle Kampfkraft noch mal verstärken. Nicht nachlassen, auf keinen Fall.

In einem Kampf Mann gegen Mann erscheint die gerade beschriebene Taktik eine naturstarke, dar- winsche Anmutung zu haben – sie erscheint plau- sibel, nachvollziehbar – und in ihrer Tragik liegt trotzdem eine hoffnungsvolle Erlösung, zumindest für einen der beiden Kombatanten. Doch was in ei- nem Kampf Mann gegen Mann funktioniert, funk- tioniert nicht bei Gruppen gegen Gruppen. Zumin- dest dann nicht, wenn die Gruppen so groß sind, dass sie nicht mit einem Schlag vernichtet werden können sondern immer neue Nachkommen zeu-
gen können, die sie zu neuen Kriegern ausbilden können.

Es gibt nur eine einzige Lösung für letztere Kon- flikte: Erkenntnis. Erkenntnis über die archaischen seelischen Gesetzmäßigkeiten, die den Status Quo bestimmen. Diese Erkenntnis schafft eine innere Distanz zu den eigenen destruktiven Gefühlen und reißt die Mauern des Hasses ein, um den Blick zum Horizont frei zu geben. Und dort erkennt jeder die Schönheit einer friedlichen Existenz im Einklang mit den Menschen und der Natur.

¹ Fahrenheit 9/11, Regie: Michael Moore; Dog Eat Dog Films, USA 2004.

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