Das Genie | Kapitelübersicht
Selbst in der primitivsten Gesellschaft gibt es einen natürlichen Respekt vor
allen Geisteskranken …

Motorcycle Boy ¹

Ein Genie ist etwas Faszinierendes. Wir alle würden gerne Genies sein. Doch man hat uns gesagt, Ge- nies gebe es nur selten. Deshalb glauben wir nicht daran, dass wir Genies sein könnten. Was können wir auch schon? Und was könnten wir schon Geni- ales leisten?

Der Clou ist aber nun, dass wir tatsächlich alle Genies sind. Zumindest mögliche. Und das liegt daran, dass wir eine bestimmte Form des Genies, nämlich das des Erfinders, wirklich erreichen könnten. Dabei würde es darum gehen, uns selbst zu erfinden. Aber nicht im gewohnten Sinne des Wortes erfinden, sondern im wörtlichen Sinn: Unser Selbst ist vergraben, in Schutt und Asche versun- ken, weil wir bombardiert wurden von der Werbung der Konsumindustrie. Konsumiere das, dann bist Du das. Konsumiere jenes, dann bist Du jenes. Konsumiere nichts, dann bist Du …

Die leise Stimme in uns, die uns die ganze Zeit sagen will, was wir sein sollten, wird bei dem Bom- bardement übertönt.

Wenn wir diesen Lärm einfach abschalten könnten, würden wir die Stimme vielleicht hören und uns dann (er)finden können. Wir können diesen Lärm tatsächlich abschalten. Und das ist sogar viel einfacher, als einen Schalter zu betätigen. Es ist die reine Erkenntnis, was mit uns durch die Werbung passiert. Aus der Erkenntnis wächst Wut. Und diese Wut ist der Energieträger, der die Kraft und die Macht spendet, die Werbung und den übrigen Lärm einfach auszublenden. Vielleicht hält man sich zunächst an einer Wolke fest, an einem Sonnen- strahl oder einem Vogelzwitschern. Vielleicht braucht man dies aber auch gar nicht und hört die eigene leise Stimme plötzlich klar und deutlich.

(Mr. Meeks, erweisen Sie Ihrem Namen Ehre. Mr. Pitts, wachsen Sie über sich hinaus. — Sie wissen was Sie zu tun haben, Pitts … ) ²

Wir wollen unerschrocken kämpfen, auch wenn der Feind in der Überzahl ist! ²

Durchquer als Seefahrer die Welt unterwegs zu allen Häfen! ²

Ich lebe als Herrscher des Lebens, nicht als Sklave! ²

Ich trete vors Schafott und sehe den Gewehrmündungen mit Gleichmut entgegen! ²

Tanzen sollst du und frohlocken, Hände klatschen, jauchzen, springen, weiterschwimmen! ²

Sieh das Leben hinfort als ein Gedicht neuer Freuden! ²

Sei in deinem Tun ein Gott! ²


¹ Rumble Fish, Regie: Francis Coppola; Hot Weather Films, USA 1983. Ab 59:32

² Der Club der toten Dichter, Regie: Peter Weir; Touchstone Pictures, USA 1989. Ab 48:44

Foto: Nora Fortmann

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