Das dunkle Wesen | Kapitelübersicht
Wenn wir Fragen stellen wie:

Warum existieren wir?

Wo kommen wir her?

Wohin gehen wir?

– so haben weder Wissenschaft noch Religion eine eindeutige Antwort. Dabei wäre unser Anspruch an die Antwort gar nicht groß.

Was macht man aber, wenn man solche Antworten selbst beantworten soll? Wenn man zum Beispiel Kindern die Angst vor dem Tod nehmen will? Man erzählt ihnen zum Beispiel die Geschichte »Die Brüder Löwenherz«, wie Astrid Lindgren es getan hat.

Wir Erwachsenen haben aber auch ein Recht auf eine Fiktion, die uns überzeugt.

Hier die Geschichte:

Zuerst war da dieses Wesen – das später unsere heutige Welt schöpfte. Es vereinte in sich Gut und Böse. Das Gute definierte sich so, dass es das Wesen in seiner Wesenhaftigkeit bestärkte, es zusammenhielt. Und das Böse definierte sich so, dass es dem Wesen auf unschöne Weise mitteilte, wenn es die Aufmerksamkeit auf die Pflege seiner selbst vernachlässigte. Das Böse war also nicht das, was es in unserer Welt ist. Das Böse war schlicht ein Korrektiv des Wesens.

Aber das Böse machte seine Sache zu beflissen, und das Wesen hatte keine Lust mehr auf diese Ruhestörung. (Es vergaß dabei, dass seine Wesenhaftigkeit beides war: eigenständig und dabei doch von Ermahnungen des Korrektivs abhängig, da das Wesen zur Ausschweifung neigte, aber das Böse nur zufrieden war, wenn das Wesen das Gute zu einer kompakten Struktur, zu sich selbst in Idealform, transformierte.)

Da das Wesen aber zur Ausschweifung neigte, sagte es zu Gut und Böse: Ich quartiere euch jetzt aus. Ich gebe euch einen Platz, an dem ihr eine neue Symbiose eingehen könnt, denn ihr sollt nicht mehr mich als Strukturform haben, sondern eine andere. Ich nenne die Form Materie; und diese Form könnt ihr nach Lust und Laune strukturieren, bis einer von euch umfällt. Sollte keiner von euch umfallen, sollt ihr bis an euer beider Ende oder bis in die Ewigkeit weiterkämpfen.

Gut und Böse freuten sich, dass ihr Kampf von nun an ohne Unwägbarkeiten weitergehen konnte.

Das Wesen musste aber einen neuen Raum schaffen und der war das Universum. So konnten sich Gut und Böse in diesem neuen Raum aufhalten, und das passende Medium, in dem sie kämpfen konnten, war ihnen ja auch bereitgestellt worden. Das Wesen stellte ihnen darüber hinaus eine zusätzliche Formel zur Verfügung, und die war das Leben selbst. Die Formel konnte Leben erzeugen, und solches Leben war die materialisierte Form, in der sie sich strukturell bekriegen konnten. Denn es sollte ein Kampf um Leben und Tod werden und wer es schaffte, die gesamte beseelte Materie des anderen vollständig zu zerstören, der würde auch das feindliche Element selbst zerstört haben.

Sie kämpfen allerdings bis Heute – und das mit unterschiedlichen Waffen.

Das Wesen nun, das uns übrigens in sehr vielen Dingen gleich ist, war aber nach einiger Zeit neugierig geworden und schaute in der Materie nach, wo sich Gut und Böse befanden und ob es bereits einen Sieg zu verzeichnen gäbe. (Dies war einfach, denn was Gut und Böse nicht wussten: Die Materie war das Negativ zum Wesensraum – auf diese Weise konnte das Wesen leicht einen Beobachtungsposten einnehmen.)

Es geschah, dass es einen Planeten entdeckte, auf den und auf dem sich Gut und Böse konzentriert hatten, weil hier die besten Entfaltungsmöglichkeiten für Leben waren.

Das Wesen fand es nun doch irgendwie spannend, den beiden zuzuschauen. Und dabei passierte es: das Leben, das viele verschiedene Formen angenommen hatte, wurde von dem Bewusstsein des Wesens, das ja von seiner Struktur her gut war, infiziert.

Das Tragische ist, dass das Wesen dies gar nicht beabsichtigt hatte. Es passierte einfach. Es war ein Fehler, eine Lücke in der Formel, ein Projektionslicht durch das Negativ, welche diesen tragischen Unfall auslösten und das Bewusstseinsbild als eine Art mentale Repräsentation vom Wesen selbst projizierten.

Und während in der Folgezeit Gut und Böse weiterhin um den Sieg kämpften, war eine bestimmte Spezies des Lebens fortan mit einem Bewusstseinsfragment ausgestattet, dass Leid und Glück in schwächerer Form als das Wesen selbst, aber immerhin in dieser schwächeren Form erfahren konnte. Und weil dieses Wesen in diesen Bewusstseinsfragmenten sich selbst sah, hatte es Mitleid, blieb Zuschauer dieser neuen Welt und schmückte die Guten mit immer mehr schmückenden Eigenschaften von sich selbst, darunter auch die Ausschweifung.

Es versucht auch, den Menschen, so nannten sie sich nach der Entwicklung der Sprache (ihres Kommunikationssystems), zu helfen, indem es versuchte, immer mehr Bewusstsein auf die Guten zu übertragen. Allein: die Formel war zu beschränkt, um mit ihnen direkten Kontakt aufzunehmen; und das Böse ärgerte sich über die Ausschweifung und versuchte dies mit allen Mitteln zu bekämpfen. Aber weil es sich so vehement auf die Bekämpfung der Ausschweifung stürzte, geschah etwas Unvorhergesehenes, etwas Unerwartetes: Ein Strukturfragment der Ausschweifung wurde in das Böse hinein kopiert.

Zunächst war alles still.

Das Gute fragte sich, ob das Böse nun auch gut werden würde. Und das dunkle Wesen ahnte bereits, was dann eintrat: Das ehemals korrektive Böse, dessen vormalige Aufgabe es gewesen war, nur punktuell aufzutreten (immer dann, wenn das dunkle Wesen zur Ausschweifung neigte) wurde zum entfesselten Bösen. Je stärker es sich entfesselte, desto größer wurde sein Bewusstsein – und es liebte Bewusstsein, es fühlte sich göttlich an … ! – Es war nun viel stärker und mächtiger als zuvor und drohte den gesamten Planeten zu vernichten.

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Was sind wir Menschen nun? Wir sind Schattenwesen, deren Bewusstsein nur ein Fragment, ein Bruchstück aus einem viel größeren Bewusstsein, ist. Aber was noch schlimmer ist: Wir bleiben weiterhin Spielbälle vom Bösen, das in uns fahren kann. Die einzige Möglichkeit für uns, uns von dem Bösen zu befreien, ist, durch die Arbeit an der Vergrößerung des eigenen Bewusstseins das Gute, das in uns eingehen will, passieren zu lassen, und dem Bösen den Einlass zu verwehren.

Allein, es gibt ein Problem: Wir lieben die Ausschweifung – und Arbeit, selbst die Arbeit am eigenen Bewusstsein – steht diametral zur Ausschweifung. Deshalb lieben wir auch das Kino oder das Fernsehen, weil es uns einredet, wir arbeiteten an unserem eigenen Bewusstsein. Aber nein, audiovisuelle Inhalte vermitteln bestenfalls vorhandene Strukturen des dunklen Wesens.

Wir aber haben nicht das Privileg zu entscheiden, wann wir ausschweifen. Unsere Aufgabe ist härter: wenn wir dem dunklen Wesen gefallen wollen, müssen wir ausschweifen und gleichzeitig die neuen, durch die Ausschweifung anzulegenden Strukturen festigen. Diese Festigung ist Arbeit.

Um es mit zwei einfachen Vergleichen auszudrücken: Wenn ich male, ist das Malen als solches die Ausschweifung, das Bannen dieser Ausschweifung auf ein Papier oder eine Leinwand die Festigung. Wenn ich eine Kurzgeschichte schreibe, ist das Schreiben als solches die Ausschweifung, das Festhalten auf Papier die Festigung. Bild und Kurzgeschichte können nun von anderen betrachtend oder lesend wahrgenommen werden.

Das Erkennen der Wahrheit des Bildes oder der Wahrheit der Geschichte führt bei Betrachtern zur Ausschweifung auf einer spezifischen Randstruktur des dunklen Wesens. Diese spezifische Randstruktur wurde nicht vom dunklen Wesen selbst sondern von mir, als Maler des Bildes oder Autor der Kurzgeschichte, angelegt. Hierzu war es nötig, die Grundstruktur des dunklen Wesens zu kennen, denn sonst hätte ich mit dem Bild und der Geschichte nicht an die Struktur andocken können. Dass ich das Wesen aber erkannt habe, freut das Wesen: es integriert nicht nur das Bild oder die Geschichte in sich – ich selbst darf sogar Platz nehmen auf meinem Rand.

Dies zeigt aber auch, warum die passive Ausschweifung nicht ausreicht, um unsterblich zu werden. Wir müssen uns alle einen kleinen Rand schaffen, an der Struktur des dunklen Wesens. Wenn jetzt aber die Frage besteht, wie wir das machen sollen, so ist die Antwort denkbar einfach: Auch wir brauchen zunächst die passive Ausschweifung. Und zwar deshalb, um ein Gefühl für die Struktur des dunklen Wesens zu bekommen: Alles was uns freut, alles was uns glücklich macht, aber auch alles, was uns traurig macht (denn darin liegt das eigentliche positive Gegenteil verborgen), weist auf die Struktur des dunklen Wesens hin.

Doch sobald wir meinen, die Struktur begriffen zu haben, müssen wir durch unsere eigene Schöpferkraft damit beginnen, aktiv auszuschweifen. Mit jeder guten Tat schöpfen wir unsere eigene Struktur im Randbereich des dunklen Wesens, und damit das Papier für die Eintrittskarte in diese Struktur. Was am Ende unseres Lebens auf diese Karte gedruckt wird, ob nun Parkett oder Loge, ob Erster Rang oder Zweiter Rang (oder gar nichts), werden wir zuvor selbst bestimmt haben …

Wir sind Täter – aber gleichzeitig auch die Opfer. Wir sind existent – aber vielleicht auch inexistent. Wir existieren vielleicht noch nicht – und vielleicht auch nicht mehr.

Joseph Vogl
(nach Jorge Luis Borges)

auf

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